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Die Welt im Fokus: Die Delegierten

Am 9. Oktober 1872 erreichte Phileas Fogg, der sich nach dem Willen seines Erfinders Jules Verne in achtzig Tagen um die Welt aufmachte, das ägyptische Suez. Seine Ankunft erfolgte so, dass sie „mit der vorgeschriebenen Ankunftszeit verglichen weder einen Gewinn noch Verlust nachwies. Darauf ließ er sich in seiner Cabine ein Frühstück auftragen. Die Stadt zu besehen, fiel ihm nicht ein, denn er gehörte zu der Sorte von Engländern, welche die Länder, durch welche sie reisen, von ihren Bedienten besehen lassen“. Fogg, ganz Gentleman, ganz distinguierter Brite, verlegte sich beim Besichtigen darauf, dass ein anderer das übernahm. Man selbst war schließlich Reisender, Passant, ein Vorübergehender, einer, der sich eingerichtet hat in der Distanz. Die Erfahrung, ausgesetzt zu sein, ausgesetzt zu werden in der Körperlichkeit einer Umgebung, überließ der buchstäbliche Tourist gerne anderen.

Das waren noch Zeiten, als sich die Einverleibung der Welt mittels Delegieren bewerkstelligen ließ. Das konnte ein Domestike erledigen, doch gerade zu Foggs Zeiten war ein unschlagbares Medium entstanden, das alles, was es gab, handlich aufbereitete. Solange die Welt jedenfalls stillhielt: Die Belichtungen waren eher langwierig, und so hielt die Fotografie vor allem fest, was sich außerhalb menschlicher Bewegung abspielte. Das waren noch Zeiten, als alles Interessante mehr oder weniger ohne die mehr oder weniger humane Spezies auskam.

„Die Welt im Fokus“ nennen die Albertina und ihre Kuratorin Anna Hanreich passend ihre Präsentation früher Reisefotografie. Festgehalten wurde alles, was die Foggs von Seinerzeit zwar genau sehen aber nicht so genau am eigenen Leib erfahren wollten. Schließlich hat die Fotografie immer auch mit Physikalität zu tun, mit Spuren, mit Anwesenheit. Und so besichtigte stellvertretend für diejenigen, die es sich leisten konnten, der Franzose Henry Cammas Ägypten. Der Österreicher Wilhelm Burger rückte Ostasien auf den Leib und sein Landsmann Christian Paier dem Heiligen Land. Die schönsten Beispiele vielleicht, und sicher die berühmtesten stammen von Georg Sommer aus Frankfurt, der sich als zugereister Italiener ein folkloristisches Giorgio als Vorname verpasste und vor allem die Gegend um Neapel festhielt, den Vesuv, die Faraglioni vor Capri.

Das Foto ist ein Medium für Dilettanten. Auch Leuten, die es eigentlich nicht können, Bildherstellung zu ermöglichen, war von Anfang an das Kalkül. Doch natürlich war das Equipment viel zu unhandlich. Und der Kolonialismus, der hineinregierte in die Expeditionen, war doch auch ein moralisches Problem. Da überließ man derlei doch den dafür Delegierten. Und besser, viel besser waren die Lichtbilder auch. Gerade heutzutage, wo man sich mit niemandem mehr treffen kann, der nicht zehn Minuten brauchte, um aus seinem überbordenden Fotogewuchere ein spezielles, ungesehenes, unnachahmliches, unnachahmlich banales Dokument zu fischen, weiß man, was man an so einer Ausstellung hat.

Mehr Texte von Rainer Metzger

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Die Welt im Fokus
22.07. - 26.10.2026

Albertina
1010 Wien, Albertinaplatz 1
Tel: +43 1 534 83 -0, Fax: +43 1 533 76 97
Email: info@albertina.at
http://www.albertina.at
Öffnungszeiten: Tägl. 10-18h, Mi 10-21 h


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