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Gondeln unter dem Nordstern

Cargo & Interface“: Soziale Skulptur von Barbara Husar am Bodensee.

Prinzipiell ist es ja kein Fehler, wenn Kunst – auch – unterhaltsam ist. Wenn sie allerdings zum Alibi degradiert wird, etwa um eine Party intellektuell aufzumotzen, wird es problematisch. Bei dem am 25. Juni als „nautische Inszenierung“ auf dem Bodensee angekündigten einmaligen Event „Cargo & Interface“ von Barbara Husar war dies jedenfalls der Fall, daran konnte auch die „kulinarische Komposition“ von Paul Renner nichts ändern.

Dabei war das Setting perfekt, fast schon kitschig. Die schöne kleine Marina von Hard, in der die perfekt im Stil ihrer Bauzeit Ende der 1920er-Jahre restaurierte MS Österreich vor Anker liegt. Die Sonne brennt selbst am frühen Abend noch erbarmungslos vom Himmel, die lautstark vom Deck des Schiffs ans Ufer schallende volkstümliche Musik bremst die Vorfreude auf das Kommende einigermaßen. Zu Recht, wird es doch praktisch ohne längere Unterbrechung dreieinhalb Stunden mit Humtata und Rumstata weitergehen, das Schiff in ein schwimmendes Bierzelt verwandelt. Ohne jede Möglichkeit, zu entkommen.

Ein Großteil der Teilnehmer an dem Event scheint allerdings bald schon vergessen zu lassen, weshalb sie eigentlich auf dem am schönen Bodensee gondelnden Kahn sitzen. Nach dem Willen der in Wien lebenden Vorarlberger Künstlerin, Performerin, Regisseurin und Autorin Barbara Husar ging es darum, zum möglichst aktiven Teil einer „sozialen Skulptur“ zu werden. Bestehend aus vier Passagierschiffen – zwei österreichischen und je einem deutschen bzw. schweizerischen – die sich langsam auf einen mit Goldfolie überzogenen Frachtkahn zubewegen, über dem ein Heißluftballon in Euterform schweben soll.

Im Zentrum des goldenen Schiffs ist ein riesiger Sextant mit einer 5,30 Meter langen Achse montiert, die dauerhaft zum Nordstern als fixem Referenzpunkt positioniert ist. Sozusagen das GPS längst vergangener Zeiten, mittels dem die Seefahrer von ehedem ihre Schiffe einigermaßen sicher durch die Weltmeere navigiert haben.

Barbara Husars Idee ist es, bei ihrer Aktion „Cargo & Interface“, das rosa Euter als Metapher für das Genährt-Werden als elementare Erfahrung über dem goldenen Schiff sozusagen unter dem Nordstern erlebbar zu machen. Der Plan, den Ballon auf einem Floß am goldenen Schiff zu befestigen und gemeinsam auf den See hinauszuziehen, scheiterte allerdings an den Windverhältnissen. Stattdessen stieg der Ballon langsam vom Lochauer Ufer aus in die Höhe, schwebte auf- und absteigend dem in der Mitte des Sees liegenden goldenen Schiff entgegen, um knapp vor ihm das Wasser fast zu „küssen“, was für einige bange Sekunden bei den Zuschauer:innen sorgte, aus Angst, das Euter könnte im See landen.

Inzwischen umzingeln die vier Passagierschiffe das goldene. Selbst ein todesmutiger einsamer Paddler drängelt sich kurz dazwischen, will offensichtlich wissen, was da los ist. Im Grunde nicht wirklich viel. Auch wenn der als ehemaliger Assistent von Hermann Nitsch aktionismuserprobte Paul Renner in seiner spontanen Rede von der „Vermählung der Schiffe“ schwärmt, deren „brachialem Orgasmus“. Die angekündigten Flötenklänge, die einen Dialog zwischen Himmel und Wasser anzetteln sollten, werden dagegen vom Wind bzw. dem Lärmpegel auf den Schiffen verblasen, von dem Alpsegen, den Veronika Mietelska vom goldenen Ballonkorb aus gesungen haben soll, ganz abgesehen.

Der Ballon entschwindet langsam wieder, die vier Schiffe driften auseinander, jedes in Richtung Heimathafen, die MS Österreich streckenweise flankiert vom goldenen Kahn. Und die tapferen Volksmusikanten spielen nach wie vor unermüdlich der langsam am Horizont verschwindenden Sonne entgegen.

Seit 2018 hat Barbara Husars Heißluftballon mit einem Fassungsvermögen von 3000 Kubikmetern schon die Alpen überquert, ist über dem Wiener Stefansdom und dem Berliner Bahnhof Zoo geschwebt. Und mit dem Bodensee nun über einem der bedeutendsten Trinkwasserreservoire Europas. Die Form des Euters ist laut Künstlerin als Sinnbild eines „evolutiven Bewusstseinssprungs“ zu lesen, der den Menschen als Teil eines größeren Ganzen neu positionieren, einen Wendepunkt in der Beziehung zur Natur markieren soll.

Mehr unter ⤇ husar.solar/cargo-interface

Mehr Texte von Edith Schlocker

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