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Superflux: The Craftocene: Wer werden wir gewesen sein?!

Seit 11.600 Jahren – so sagt man – leben wir im Holozän, einer Warmzeit, seit einigen Jahrzehnten inoffiziell im Anthropozän und in naher Zukunft - laut Designstudio SUPERFLUX - im „Craftozän“. Diese Zielvorstellung wird in der aktuellen Ausstellung im Weltmuseum Wien mit überraschenden, in kontrastierender Bandbreite gefertigten Artefakten veranschaulicht: Quasi angewandte Arte Povera-Gerätschaften (um sie nicht nur als kurioses selfmade-Recycling abzuqualifizieren) mit einer Dominanz an Naturmaterialien werden krass konfrontiert mit hochsensorisch ausgestatteten, alienhaft-metallischen, KI-vernetzten Objekten. Nicht zuletzt wird eine kleine Ikonografie der zeitgeistigen Must-Haves des Alltags vorgeführt, samt mutmaßlicher kultischer Fetischisierung.

Das Londoner Studio SUPERFLUX wurde 2009 von Anab Jain und Jon Ardern gegründet und zählt zu den prägendsten Protagonisten des Spekulativen Designs. Aufbauend auf ihr interdisziplinäres experimentelles Zukunftslabor forschen sie über Möglichkeiten der Überführung des bis dato erreichten – unbefriedigenden – Zustandes unserer westlichen Überfluss-Zivilisation in eine More-than-Human-Lebensweise, die der unteilbaren Gesamtheit der Natur gerecht wird. Das trug ihnen bereits hohe Auszeichnungen ein und sie sind gesuchte Projektpartner internationaler Firmen und Konzerne. Die gegenwärtige Ausstellung Craftocene wurde als Teil der Klima Biennale Wien 2026 eröffnet. Schon 2021 nahm SUPERFLUX mit der beeindruckenden Installation Invocation for Hope an der Vienna Biennale for Change im MAK teil. Davor war die britisch-indische Designerin Anab Jain von 2016 bis 2021 auch ordentliche Professorin für Industrial Design an der Universität für angewandte Kunst.

Refuge for Resurgence, (2021): Betritt man die Zeitreise ins Craftozän, so ist im abgedimmten Licht sehr einladend ein Bankett vorbereitet. Das Tafelgeschirr ist eine Wunderwelt an Re- und Upcycling: Zweige, Federn, Plastik- und Metallstücke werden in archaischer Form zu Gabeln, Messern und Löffeln verkeilt, zerbrochene Teller wurden geklebt und keine Rose könnte in diesem Setting als Tischschmuck passender sein als eine Fülle von Getreideähren, das Fruchtbarkeitssymbol schlechthin... Über die potentiellen Speisen kann spekuliert werden, ob sie gedumpstert wurden oder aus dem Gemeinschaftsgarten stammen und ob es Stadthühner auf Ruderalflächen der Zukunftsstadt gibt (wie in einer Videosequenz visioniert wird). Dieses Refugium für Wiederbelebung, für Kreativität, Handwerk und Fürsorge basiert auf  der Kenntnis einfacher Techniken und Lebenszusammenhänge, was nicht ausschließt, dass Drohnen die Mittagspizza auf die Dachterrasse liefern... - Ein kleines Bild mit Darstellungen von Nixen, Fischen an Angelhaken und einem Whalerider-Mädchen (?) bildet einerseits die Schnittstelle zum Weltmuseum (es ist ein passendes Objekt aus dem Bestand: Eine Vorlage für Tätowierungen von Seeleuten in Ägypten), andererseits leitet es über in das wässrige Experimentierfeld von SUPERFLUX.

Die Installation Nobody Told Me Rivers Dream (2025) wird im zweiten Raum gezeigt. Die Rückwand bildet eine breite Videoprojektion, in der sich Aufnahmen vom Ufer der Themse zügig abwechseln mit dazugehörigen Naturphänomenen wie Wind, Vogelgesang, Gezeiten und Himmel. Davor sind einige handgefertigte, feingliedrige, auch puschelig umkleidete Sensorobjekte plaziert, die jene Elemente in Bild und Ton erfassen. Eine Künstliche Intelligenz, gespeist aus Wetterkunde und lokalem Wissen, vulgo Bauernregeln, übersetzt diese Signale in poetische Prompts, in English of course. Der Gesamteindruck ist technischer, kühler, sprachorientiert, „hirniger“. Als ergänzender Gegenpol, als Relikt von etwas Verlorengegangenen in der rationalen Welt fungieren zwei Darstellungen von Flussgöttinnen, sowohl als Bild als auch als Kleinskulptur, die die reinigende Kraft (heiliger) Flüsse verkörpern. Faszinierend auch ein tibetisches Fadenkreuz, von dem mehrere als Wetterschutz, insbesondere gegen Hagel, um einen Ort aufgestellt wurden. Dies sind drei treffende Beispiele realer, hochpräzise gefertigter Objekte aus einem anderen Bewusstsein und einer anderen Kultur der Interaktion mit Naturgewalten, die mit rationaler Ding-Logik nicht begreifbar sind.

Genau mit dieser Differenz spielt SUPERFLUX im dritten Themenblock Relics of Abundance, (2026). der für das Weltmuseum entwickelt wurde. Der wissenschaftliche Blick, mit dem die Ethnologie Gegenstände anderer Kulturen als „rituelle, kultische, magische... Objekte“ kategorisiert, etikettiert, fällt auf die äußeren Erscheinungen. Diesen Blick eignet sich SUPERFLUX an und richtet ihn auf modifizierte Signature Objects (wie man sie nach dem gegenwärtigen Zeitalter des Massenkonsums auffinden könnte), allen voran etwa der Fauteuil von Marcel Breuer, ebenso einen - nein, hier wird nicht die Marke genannt - Sneaker, das ...-Phone und weitere zeitgenössische Desiderata. In archäologischer Wissenschaftsmanier werden Vermutungen angestellt, welche zeremonielle, gar spirituelle Überhöhung diesen Dingen beigemessen wurde. Auf dem Erntesitz, bei dem Le Corbusier Pate stand, saß man meditierend vor dem Schrein (eine Beton-Nachbildung eines kompakten Röhren-Fernsehers), der den Konzentrationspunkt des Rituals bildete. Gemäß SUPERFLUX wurde erwartet, dass der Wille Gottes, d.h. des Marktes, in diesem Medium geoffenbart wurde. Im anderen Fall wurde als Wahrsageintrument ein Obsidianspiegel (Handy-Nachbildung) verwendet, um mit einem mächtigen Wesen zu kommunizieren, das auf einer „Wolke“ residiert. Die beigestellte Gebetskette ist subtil perfide, denn auf jeder Holz-Perle ist eine Ziffer oder ein Zeichen der Tastatur inkl. Währungseinheiten aufgeprägt, wohl zur Beschwörung des Marktes. Als Herkunft der Objekte wird durchgehend mit „Westliches Eurasien, 21. Jh.“ angegeben. – An den Wänden wird ein strengerer Ton angeschlagen, analog zu englischen Gesetzestexten werden Anweisungen und Regeln des Marktes, der Akkumulierung und der Unterwerfung vorgegeben, die übrigens auch ständig aus dem Lautsprecher rezitiert werden, z. B.: „For without the New there is no growth, and without growth the glory of the Market recedes. And with its recession comes the suffering of man“, ebenso: „For the righteous will accumulate riches beyond their wordly needs while the wicked rest in poverty.“

Angesichts diverser echter Museumsstücke, die sich durch ressourcenschonende Wiederverwendung von Materialien auszeichnen wie Sandalen aus recycletem Gummi, und weiterer Original-SUPERFLUX-Fake-Relikte bleibt die Frage: Wer werden wir gewesen sein!?

Mehr Texte von Aurelia Jurtschitsch

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Superflux: The Craftocene
03.03. - 16.08.2026

Weltmuseum Wien
1010 Wien, Neue Burg
Tel: +43 1 534 30 – 5052
Email: info@weltmuseumwien.at
http://www.weltmuseumwien.at/
Öffnungszeiten: täglich außer Dienstag 10-18 Uhr


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