Jubelmeldungen und neue Bescheidenheit
Schon am frühen Dienstagnachmittag treffen die Erfolgsmeldungen der großen Galerien von der Art Basel ein. Sie gehören zum Ritual der Messe, sagen aber weniger über spontane Kauflaune als über monatelange Vorarbeit. Im Untergeschoss geben sich die Blue Chips ein Stelldichein. Neben den unvermeidlichen Warhols und Picassos begegnen einem Keith Haring, der gerade verstorbene David Hockney oder die gerade mit einer Museumsausstellung in der Stadt präsente Helen Frankenthaler an vielen Ständen. Den mutmaßlich teuersten Abschluss reklamiert wie häufig Hauser & Wirth für sich. Ein Picasso mit Maler und Modell vor Landschaft soll für 35 Millionen Dollar vermittelt worden sein. Hinzu kommen zahlreiche weitere Verkäufe im Millionenbereich. Solche Meldungen überdecken allerdings eine Branche, die unter erheblichem Druck steht. Gerade die großen internationalen Galerien präsentieren ihre Stände auffällig verkaufsorientiert. Die jüngste Schrumpfkur der Pace Gallery, die sich von einem erheblichen Teil ihrer Künstler:innen und Mitarbeiter:innen getrennt hat, wirkt weniger wie ein Einzelfall als wie ein Symptom struktureller Probleme. Ansonsten scheinen die Verkäufe im oberen Preisbereich eher schleppend zu verlaufen. Ein deutscher Galeriedirektor betont im Gespräch am Donnerstag, dass schon eine Reihe kleinerer Arbeiten verkauft seien und eine große. Aber davon bräuchte es noch mehr. Unterhalb der Millionengrenze zeigt sich dagegen ein deutlich lebhafteres Bild. Im fünfstelligen Bereich berichten viele Galerien von frühen Abschlüssen.
Weniger eindeutig fällt das Urteil über das neue Format „Art Basel Exclusive“ aus. Die Idee, ausgewählte Werke tatsächlich erst in Basel erstmals anzubieten, verliert dort an Überzeugungskraft, wo lediglich irgendeine kleinere Arbeit mit dem Etikett versehen wird.
Bescheidener geht es im oberen Stockwerk mit der zeitgenössischen Kunst zu. Kalfayan Galleries aus Tessaloniki ist nach Teilnahmen im Feature-Sektor und vier Beteiligungen an der Art Unlimited erstmals im Hauptfeld der Galleries vertreten. Die kleinformatigen Ansichten der mediterranen Welt von Narida El Gazzar sind zum Teil schon für niedrige vierstellige Beträge zu haben. Im Premiere-Sektor setzt ATHR aus Dschidda konsequent auf eine einzige Position. Mohamed Hafiz zeigt ausschließlich Ahmed Maters raumgreifende Installation „Nest“. Die Entscheidung für Basel und gegen Hongkong verweist auf einen grundlegenden Wandel des Messegeschäfts. Fünf Tage Präsenz an einem Ort zu dem man sonst keine Beziehung hat reichten längst nicht mehr aus, sagt Hafiz. Entscheidend sei die kontinuierliche Arbeit mit Sammler:innen und Institutionen; die Messe bilde lediglich deren Verdichtung.
Bei der Art Unlimited freut man sich auf die Distanz über einen riesigen Plakatabriss von Jacques Villeglé (Georges-Philippe & Nathalie Vallois, Paris), nur um aus der Nähe festzustellen, dass er aus dem Jahr 1991 ist. Dann entdeckt man eine neue Arbeit von Vanessa Beecroft (Lia Rumma, Neapel), um die es in den letzten Jahren auf dem Kunstmarkt etwas still geworden war, muss sich aber in die lange Warteschlange stellen, um in Einlass die Box zu finden. Ansonsten wirkt die Unlimited wie David Zwirner-Festspiele; von den 59 Präsentationen verantwortet die Mega-Galerie alleine fünf, an einer weiteren ist sie beteiligt.
Bitter für den Nachwuchs ist die Absage des Baloise Art Prize. Die Aussteller im Statements-Bereich zeigten sich überrascht. Die Messe nicht: „Im Frühjahr 2025 wurde die Art Basel darüber informiert, dass Baloise die Partnerschaft nach der Art Basel in Basel 2025 nicht verlängern wird.“
Bemerkenswert wirkt der neue Bereich für digitale Kunst. Zero10, erstmals in der ehemaligen Design-Miami-Halle untergebracht, verzichtet auf die Eventästhetik früherer Ausgaben in Miami oder Hongkong. Statt Spektakel entsteht tatsächlich ein Ort, an dem digitale Positionen in den kunsthistorischen und marktwirtschaftlichen Diskurs eingebunden werden.
Mauricio Silva Oredain beim Basel Social Club, Video: Stefan Kobel
Auch die Satellitenmesse Liste mit überwiegend junger Kunst bestätigt einen Trend, der sich durch Basel zieht. Amerikaner reisen weiterhin in geringerer Zahl an als vor einigen Jahren. Diejenigen, die gekommen sind, kaufen allerdings. Das genügt vorerst, um die Erfolgsmeldungen zu produzieren, die traditionell schon am ersten Messetag den Ton angeben. Marie-Christin Livie (Zürich) verkaufte nahezu den gesamten Stand mit Arbeiten der Wiener Künstlerin Sarah Bogner an Sammler:inen aus der Schweiz, Österreich und Deutschland. Ähnliche Berichte kommen von Max Goelitz, dessen Skulpturen der Koreanerin Ju Young Kim ebenfalls fast vollständig platziert wurden. Internationale Kund:innen bleiben zwar präsent, doch verschieben sich die Gewichte. Von Asien oder Lateinamerika ist auffallend selten die Rede.
Die große Geste beherrscht allerdings auch der Basel Social Club. In diesem Jahr gastiert das Basler Eigengewächs in einem aktuell ungenutzten Bürogebäude. Nicht weniger als 130 Solo-Präsentationen verteilen sich über zwei Büroetagen und mehrere Kellergeschosse. Hinzu kommt die Kunst- und Künstlerbuchmesse I Never Read, die aus einer Halle der Messegesellschaft MCH hierher umgezogen ist. Geöffnet ist bis nachts um Drei. Einen Gebäudeplan gibt es nur mit Raumnummern als Aushang, WLAN existiert nicht und in den meisten Gebäudeteilen gibt es kaum bis keinen Handyempfang. Man ist also auf sich allein gestellt. Das Programm ist jedenfalls so interessant, dass sich für die halbstündige Meditationssitzung im Bus des Marina Abramović Institute direkt am Haupteingang bei der Tiefgaragenrampe nur wenige interessieren.
Roboterwerbung für I Never Read beim Basel Social Club, Video: Stefan Kobel
Die Designmesse Maze bezieht zum zweiten Mal die Offene Kirche Elisabethen oberhalb des Theaters. Die Premiere war offensichtlich so erfolgreich, dass in diesem Jahr ein Zelt für weitere Teilnehmer:innen errichtet wurde. Mittlerweile sind die meisten Anker-Galerien der Design Miami Basel hier vertreten, unter anderem die Kölner Ammann Gallery.
Die Volta versucht mit ihrem neuen Dirketor Lee Cavaliere und einer neuen Location einen Reboot. Die zuletzt arg heruntergewirtschaftete Veranstaltung findet jetzt in Halle 4 der Messe statt. Einige bekanntere Galerien haben ihr Treue gehalten, darunter Barbara von Stechow aus Frankfurt und Barbara Ruetz aus München. Ein kleiner Schwerpunkt liegt auf zeitgenössischer Aboriginal Art, immerhin ein Alleinstellungsmerkmal in Basel.
Links zu den Messen in Basel
⤇ Art Basel
⤇ Photo Basel
⤇ Africa Basel
⤇ Maze
⤇ Basel Social Club
⤇ Volta
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