Various Others 2026 – Ein Tummelplatz für Transzendenz
Das Ende scheint nah – so heißt es in einem Kommentar von e-flux zur diesjährigen Biennale di Venezia. Denn „You know times are bad when you find yourself cheering on the Pope as the last standing defender of ideological freedom “.
Ein paar Tage nach der Eröffnung der Biennale in Venedig, wird der Kunst-Marathon im Rahmen des Galeriefestivals Various Others in München fortgesetzt. Auch hier kann man sakraler Bildsprache kaum entkommen. Religiosität ist trendy. Und das nicht nur unter Tradwives, christliche Symbolik sowie ein Spiel mit Spiritualität markieren ein allgegenwärtiges Element zeitgenössischer Kunst, Politik und Popkultur.
Die Gegenwart scheint gezeichnet von einem wachsenden Verlangen nach Transzendenz. Was sich daraus abbildet, ist eine Realität, die zwar säkular organisiert ist, in der Religion aber nach wie vor eine zentrale Rolle spielt. Sowohl privat wie politisch. Während esoterische Praktiken und alternative Formen von Spiritualität einen deutlichen Aufschwung erleben, befinden sich auch Symbole und Ideale institutioneller Religion auf einem regressiven Vormarsch. Dieser wird besonders in Bayern sichtbar, wo die regierende Christlich Soziale Union bemüht ist, katholische „Leitkultur“ in der Öffentlichkeit zu manifestieren. Das wohl offensichtlichste Beispiel dafür ist der Kreuzerlass, nach dem im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes ein Kreuz anzubringen ist. Während Spiritualität Raum für Sehnsüchte, Eskapismus und vielleicht auch Ordnung eröffnet, dient das Kreuz heute nicht mehr nur als religiöses Symbol, sondern als Projektionsfläche für Debatten über Identität und Deutungshoheit.
Für Various Others entwickelte die Künstler:innengruppe Frankfurter Hauptschule gemeinsam mit dem Ausstellungskollektiv pip, ein kuratorisches Szenario, welches an den Bedeutungswandel des Kruzifixes anknüpft und ihn ad absurdum führt. Der Raum, in dem die Ausstellung † KUNST † präsentiert wird, ist gespickt mit verschiedenen Ready-Mades. Opferkerzen, Marienfiguren, Spitzendeckchen und T-Shirts, die an Band-Merch erinnern. An den Wänden hängt eine Reihe herkömmlicher Jesuskreuze. Hier, in einem Ausstellungsraum platziert, hat die Frankfurter Hauptschule sie zu Kunst erklärt. Die Kruzifixe stehen nun nicht mehr für den Willen Gottes, sondern verbreiten den Geist der Hochkultur. Gläubige Christ:innen können solch handelsübliche Kruzifixe normalerweise für etwa 10 bis 20€ erwerben, zum Beispiel auf Kruzifix24.de. Beweihräuchert durch die Frankfurter Hauptschule, werden sie auf der Preisliste der Galerie nun für 150€ geführt. Indem die Künstler:innengruppe Devotionalien kommerzialisiert und im Galeriekontext verkauft, nimmt sie nicht nur Katholizismus aufs Korn, sondern auch die Kunstwelt. In der Mitte des † KUNST †-Raumes steht eine große Schale mit Votivlichtern, die wie in einer Kirche von Besuchenden für jeweils 2€ pro Kerze angezündet werden können. Es ist ein universelles Ritual der Hoffnung, das sogar eine Ex-Christin wie mich sehr reizt. Auch wenn das Kollektiv mit Ironie auf die römisch-katholische Konfession blickt, hat es möglicherweise einen Raum geschaffen, in dem sich fromme Christ:innen ebenso (un-)wohl fühlen, wie ein kritisches Publikum. Der Holzboden des schlichten Ausstellungsraums knarzt, ein bisschen wie der eines alten Beichtstuhls, im Hintergrund läuft Verdis Totentanz, und am Ende scheinen die Grenzen zwischen Kaufhaus, Kunstgalerie und Kirche fast vollständig aufgelöst.
Auf der anderen Seite der Stadt, in der Galerie Rüdiger Schöttle, findet Elif Saydam eine etwas blumigere Schnittstelle zwischen allmächtiger Ikonografie und alltäglichen Konsumgütern. Die Ausstellung Glory untersucht die Kluft zwischen Materialien und dem Wert, den sie für uns haben. Zwischen dem Sublimen und dem Nichts.
Die räumliche Anordnung erinnert entfernt an eine Kathedrale. Großformatige Vorhänge aus laminierten Inkjet-Prints – vergrößerte Fotografien von Mülltonnen – hängen ordentlich aufgereiht, sie strukturieren den Raum wie die Arkaden eines Kirchenschiffs. Ende und Startpunkt der Ausstellung bilden zwei goldene Gemälde, die wie abstrakte Altarbilder anmuten. Engel aus weihnachtlichem Stanniolpapier drehen den Betrachtenden den Rücken zu, ein witziger Verweis auf die „gottlosen“ Zeiten, in denen wir leben. Die kanadisch-türkische Künstler:in findet Inspiration in mittelalterlicher Ikonen-Malerei und osmanischer Miniaturkunst. Religiöse Motive, mit viel Blattgold und fast kitschigen Details. Ausgangspunkt dieser Ausstellung ist ein kunsthistorisches Missverständnis um ein Gemälde, das Saydam lange nicht losließ. Mehrere Männer blicken in ein schwarzes Loch im Boden. Ist es das Tor zur Hölle, oder ein Sinnbild für Flucht vor den Konventionen? Ursprünglich handelte es sich bei dem Abyss um das Abbild eines silbernen Brunnens, dessen Pigmente über Jahrhunderte hinweg oxidiert sind. Aus der Quelle wurde eine Öffnung ins Ungewisse. Der Abgrund als Portal spielt eine zentrale Rolle für Saydam, denn diese tun sich überall im Alltag auf. Dafür stehen die monumentalen Mülleimer auf den laminierten Vorhängen. Sie sind mit bunten, floralen Ornamenten bemalt, ihre Deckel einladend geöffnet.
Nur ein paar Straßen weiter, eröffnet sich in der Galerie Sperling ein weiterer Schwellenraum zwischen dem Profanen und einem Moment von Transzendenz. Das Zentrum der Ausstellung Triangle reshapes the O of my mouth bildet eine häusliche Struktur, bespannt mit gebatikter Seide. Anousha Paynes erdige Bildsprache zeigt zarte Körper, die sich in einem Moment der Verwandlung befinden. Auch im restlichen Ausstellungsraum findet man Abbildungen fragmentierter Körperteile und Abdrücke ihres eigenen Körpers mit mehreren Armen und Augen. Die Künstlerin Ushara belebt Paynes Arbeiten mit ihrer Sound-Performance, eine Oper in vier Akten, die von Kontrolle und Auflösung erzählt. Die Performance ist so gut besucht, dass ich Ushara ebenfalls nur fragmentiert durch Handy-Bildschirme vor mir erahnen kann. Dennoch entfaltet diese sehr poetische Ausstellung eine Intimität – visuell sowie akustisch – die sich anfühlt wie ein Nagel, der sich ins Herz bohrt. Eine Motte als Metapher für Veränderung und die Intensität des Lebens zieht sich durch die Galerie Sperling. Der Nachtfalter erinnert uns, wie kräftezehrend das Leben manchmal sein kann – emotional sowie körperlich – aber auch daran, dass es geprägt ist von einer Anziehung zum Licht.
Ähnlich wie Kaufhäuser oder Museen sind Kirchen Orte der Sehnsucht. Aber egal ob Gotteshaus oder Ausstellungsraum, beide bleiben heute oft leer, solange es sich nicht um internationale Publikumsmagneten wie einen Pavillon oder den Petersdom handelt. Eine Entwicklung, auf welche die kommende Ausgabe der Manifesta reagiert und ausschließlich kirchliche Räume mit ihrem Programm This is not a church bespielen wird.
Doch nur weil institutionelle Gebetshäuser sich keiner großen Beliebtheit mehr erfreuen, bedeutet das nicht, dass Religion verschwunden ist. Ihre Formen und Formate haben sich an die Gegenwart angepasst: Nicht nur Freikirchen boomen, sondern auch Esoterik und Okkultismus. In den sozialen Medien fluten die Algorithmen unsere Feeds mit Amateur-Astrolog:innen, fundamentalistischen Christ-fluencer:innen und rechten Verschwörungstheoretiker:innen. Various Others ist eine Veranstaltung, die kein konkretes Thema vorgibt. Jede Ausgabe bewegt sich damit auf einem Spektrum, irgendwo zwischen exklusivem Galerie-Zirkus und authentischem Gradmesser der Gegenwart. In diesem Jahr zeigen einige Beiträge den Zustand einer postsäkularen Gesellschaft, in der Religion als kulturelle Kraft offensichtlich fortbesteht. Was sich abzeichnet, ist ein spiritueller Tummelplatz, auf dem sich Identität, Ästhetik sowie politische Projektionen unkontrolliert vermengen.
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