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Der Riss

Zum Tod von VALIE EXPORT (1940–2026)

Ich möchte hier nicht über jene Werke schreiben, die längst bekannt, vielfach zitiert und sogar kanonisiert sind, das „Tapp- und Tastkino“, die „Mappe der Hundigkeit“, die „Aktionshose: Genitalpanik“. Sondern über den Riss. Über jenen Riss, der sich durch das Werk von VALIE EXPORT zieht, der die Sprache an der vibrierenden Öffnung der Stimmritze entstehen lässt, der die Fotografie in die Zeit schneidet und sich in die Struktur des Films einschreibt. Und über jenen anderen Riss, den der Tod bedeutet, den Bruch einer Gegenwart, die nicht mehr erreichbar ist, den Abriss eines Lebens, und zugleich den Verlust einer Stimme, die Denken und Wahrnehmung verändert hat, künstlerisch wie persönlich.

Das nur zwei Seiten umfassende Konzeptpapier zu „Tonfilm“ (1969), das sich heute im mumok befindet, beschreibt einen künstlich erweiterten menschlichen Körper, zugleich aber seine Überantwortung an maschinelle Entfremdung. An die Stimmritze wird ein elektromagnetischer Verstärker montiert, der durch Lichtreize auf der Haut aktiviert wird. Licht löst unmittelbar eine stimmliche Reaktion aus. Die Stimme beginnt zu schreien. Sie erscheint nicht länger als autonomes, bewusst gesteuertes Ausdrucksmittel, sondern reagiert reflexhaft, unwillkürlich, ausgeliefert. Der Körper wird zu einem technisch gesteuerten Kommunikationselement, zu einem maschinellen Symptom, wie es spätere Cyborg-Theorien imaginieren werden. Doch während dort oft die Erweiterung menschlicher Möglichkeiten im Vordergrund steht, interessierte EXPORT vor allem die Verletzbarkeit des Körpers unter technologischen Bedingungen, seine mediale Durchdringung und politische Formierung.

Von Beginn an verstand VALIE EXPORT ihre Kunst nicht als Rückzug ins Private, sondern als Eingriff in die Wirklichkeit. Als österreichische Künstlerin, die ab den 1960er Jahren einer konservativen Öffentlichkeit und einem Klima politischer Reaktion begegnete, begriff sie ihre Arbeiten als feministischen Kommentar zu den Machtstrukturen des öffentlichen Lebens, zu gesellschaftlicher Zurichtung und zu den Bedingungen von Sichtbarkeit selbst. Das Schreien verweist deshalb nicht – wie etwa bei Edvard Munch – auf metaphysische Vereinsamung oder existenziellen Schmerz, sondern auf gesellschaftlichen Zwang, auf Überreizung als System, auf die Gewalt normierter Verhältnisse. Gerade im Hinblick auf weibliche Stimmen und weibliche Körper werden diese Mechanismen der Kontrolle und Objektivierung sichtbar. Indem EXPORT die Stimme nicht „befreit“, sondern ihre Hervorbringung offenlegt, zeigt sie den Körper als Ort sozialer Einschreibung, als Fläche von Projektionen, Befehlen, Normierungen und Disziplinierungen.

Auch später, auf der Biennale in Venedig 1980, wo EXPORT gemeinsam mit Maria Lassnig eingeladen war, zeigte sie Videoaufnahmen eines medizinischen Eingriffs in die eigene Stimmritze. Die Arbeiten gewähren Einblick in den Körper beim Sprechen und im Hervorbringen glossolaler Laute, also von Lauten jenseits verständlicher Sprache. Wieder erscheint die Stimme nicht als Träger klarer Bedeutung. Stattdessen tritt der physische Vorgang des Sprechens hervor, Kehle, Atem, Muskelbewegungen und Klang. Die Stimme löst sich von ihrer semantischen Funktion und wird Material, Geräusch, Körperbewegung, performatives und aktionistisches Ereignis, zugleich Ausdruck und willkürliches Symptom. In einem Text, den EXPORT gemeinsam mit Oswald Wiener und Ingrid Wiener verfasste, heißt es: „Psychotisches Sprechen ist antisozial, weil es die normierten Denk- und Sprechzusammenhänge, die eine Gesellschaft für ihre Kommunikation braucht, auflockert, auflöst, in Frage stellt.“

Gerade darin lag für EXPORT eine emanzipatorische Wirkkraft. In der Absage an Eindeutigkeit, Verständlichkeit und kommunikative Auflagen zeigt sich ein Widerstand gegen jene symbolischen und politischen Ordnungen, die festlegen, wer sprechen darf, wie gesprochen werden soll und welche Körper überhaupt als sprechfähig gelten. Sprache wird bei ihr zum Ort des Risses, dort, wo Bedeutung sich formt und zugleich zu entgleiten droht, wo Ausdruck immer schon von Störung und Unverfügbarkeit unterminiert ist.

Der lichtempfindliche Körper wird dabei zum Modell des bildlichen Mediums selbst, insbesondere der Fotografie. Ton und Bild sind wesensähnlich. Die Stimmritze erscheint wie ein Sinnbild dieser medialen Schnittstelle, ein Ort der Reizbarkeit, der Öffnung, der Reaktion. EXPORT legt die Voraussetzungen des Bildes frei, seine Apparate, seine Bedingungen der Möglichkeit, seine strukturelle Gewalt. Sichtbar wird dies in montierten Fotografien von Fassaden, Leitern oder Eisenbahnwaggons, aufgenommen von einem einzigen Standpunkt, perspektivisch verschoben. Sie nennt diese Arbeiten zu Recht „konzeptuell“. Doch der Riss zeigt sich vor allem dort, wo er verborgen bleibt, im Kader des Films. Einzelbild und Frame verschwinden in der Illusion kontinuierlicher Bewegung, bleiben strukturell jedoch wirksam. Gerade dieses Unsichtbare – die Bedingungen der apparativen Wahrnehmung selbst – macht EXPORT sichtbar.

So zeigt sich die Fotografie als Schnitt durch die Zeit, wenn man so will, durch das Leben. Bilder seien, so der Titel einer Werkserie, „ontologische Sprünge“. EXPORT arretiert das Vergehen, macht Bewegung, Rhythmus und Dauer sichtbar, etwa in den Aufnahmen einlaufender Wellen am belgischen Strand. Zugleich arretiert sie den Körper selbst, der stillgestellt werden muss, um überhaupt deutlich zu werden. Die berühmten „Körperkonfigurationen“, die EXPORT ab den 1970er Jahren anfertigte und unter anderem in Venedig zeigt, sind gerade keine Stillleben. Der Körper legt sich an Kanten, Ecken und Kurven der Architektur, als würde er sich gesellschaftlichen Strukturen anpassen und ihnen zugleich widerstehen. Architektur erscheint dabei nie neutral, sondern als Ausdruck sozialer und patriarchaler Ordnung. Sie organisiert Blick, Bewegung und Verhalten.

In einem Bild aus der Serie „Ontologischer Sprung“ legt EXPORT ihren eigenen Arm auf die Fotografie eines Arms. Ihre Hand ergreift die fotografierte Hand, ein Bild berührt ein anderes Bild. Was wie Selbstberührung erscheint, ist zugleich Nähe und unüberwindbare Differenz. Die Geste bleibt gespalten. Berührung als Möglichkeit, die sich im selben Moment entzieht. Gegenwart und Abwesenheit, Körper und Bild bleiben ineinander verschränkt und doch unauflöslich getrennt.

VALIE EXPORT ist am 14. Mai in Wien gestorben. Der Riss, den der Tod bedeutet, ist unerträglich. Der Tod ist kein visuelles oder fotografisches Experiment, sondern ein wahrhafter und umso schmerzlicher ontologischer Sprung. Und doch bleibt die Anwesenheit eines außergewöhnlichen Menschen bestehen, in der Erinnerung, in inneren Bildern, im Nachklang einer Stimme, in Werken, Kommentaren und Rezeptionen, die andere weiter und in die Zukunft tragen. EXPORTs Werk handelte nie nur von objektiven Machtstrukturen oder medialen Bedingungen. Es handelte immer auch von Verletzbarkeit, von Widerstand, von der Möglichkeit, sich den Zumutungen der Welt nicht sprachlos zu überlassen. VALIE EXPORT hatte eine weiche, warme und zugleich entschiedene Stimme. Sie wird fehlen.

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Abbildung: VALIE EXPORT in ihrer Retrospektive, Albertina, 2023, Foto: Lorenz Seidler ©eSeL

Mehr Texte von Thomas D. Trummer

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