It’s not about nothing: Die politische Schönheit des Dokumentarischen
Spannend wird die überzeugende Ausstellung „It’s not about nothing“ vor allem dann, wenn sich das Dokumentarische in den Arbeiten der 19 Künstler:Innen mit explizit ästhetischen Momenten produktiv reibt. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Video „Sometimes it was beautiful“ (2018) von Christian Nyampeta. In dem 37 Minuten langen Film steht ein fiktiver Freundeskreis, bestehend unter anderem aus dem Politiker Robert Mugabe, der schwedischen Kronprinzessin Viktoria und der postkolonialen Theoretikerin Leela Gandhi im Zentrum. Sie sitzen in einem Kinosaal und betrachten den Dokumentarfilm „In the Footsteps of the Witch Doctor“, den der schwedische Regisseur und Kameramann Sven Nykvist von 1948 bis 1952 im Kongo gedreht hat. Dabei diskutiert die Gruppe dann Themen wie Kolonialismus, kulturelles Erbe und das Recht auf politische Repräsentation, aber eben auch die Frage, ob die alltäglichen Szenen in dem Film gestellt sind oder nicht. Die Betonung des ästhetischen Moments leisten dann in „Sometimes it was beautiful“ zudem kurze Sequenzen, die ein schwarzes Tanzpaar zeigen, die, auf blutrotem Boden tanzend, besagte Gespräche ausdrucksvoll interpretieren.
Clemens von Wedemeyer zeigt gleich zwei Filme in der klugen Ausstellung, mit denen er ebenfalls das spannungsreiche Verhältnis von Dokumentation und ästhetischer Formgebung in Szene setzt. In den beiden Filmen „Die Siedlung/The New Estate“, und „Silberhöhe“ beide 2003, geht es dem Künstler um den sozialistischen Wohnungsbau in der DDR und sein Niedergang nach der „Wende“. Ersterer Film behandelt in Form einer dokumentarischen Reportage die urbane Situation in Leipzig-Grünau, wo sich ein Plattenbauensemble und neu gebaute Einfamilienhäuser gegenüberstehen. Wenn man so will: die sozialistische Idee eines modernen Wohnens für alle trifft auf die gutbürgerliche Ideologie eines privaten Wohnwohlstandes. In dem im selben Raum gezeigten zweiten Film wird, in auf dem ersten Blick ebenfalls dokumentarisch anmutenden Bildern, die zunehmend leerstehende Plattensiedlung „Silberhöhe“ in Halle gezeigt. Schnell aber wird klar, dass der Künstler sich hier mit seiner Kameraführung und Schnitttechnik wohlkalkuliert der Filmsprache von Michelangelo Antonoinis Film „L’eclisse“, 1962, bedient und nicht im rein dokumentatorischen Modus arbeitet.
Die Arbeit „Big Day“, 2025, von Pinar Ogrenci zählt zu den Werken der Ausstellung, in denen Archive eine zentrale Rolle spielen. Die Künstlerin hat hier mit Bildern aus dem Archiv des türkischen Arbeitsmigranten Nuri Musluoglu eine wandfüllende Collage gestaltet und erinnert so eindrucksvoll an die Arbeitskämpfe der sogenannten „Gastarbeiter“ in der BRD seit den 1970er Jahren. Gezeigt werden die Archivbilder also nicht in einer sachlich-dokumentarischen Form, sondern in einer dezidiert künstlerischen.
Nicht zuletzt überzeugt „It’s not about nothing“ durch die Fülle der vorgestellten prekären Inhalte. Das Spektrum reicht von Postkolonialismus über Rechtspopulismus bis hin zu Krieg und Exil.
Die gfzk Leipzig, die jüngst zum Beispiel auch mit einer Ausstellung zu „Computertechnologie in der DDR“ und einer Einzelausstellung von Ulrich Wüst auf sich aufmerksam gemacht hat, zählt inzwischen zu den wichtigeren Ausstellungshäusern Deutschlands.
Mehr Texte von Raimar Stange 22.05. - 18.10.2026
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