Werbung
,

Canaletto & Bellotto: Nichts los bei Schwarzenbergs

Die Wampe ist beeindruckend. Wie der Gentleman in seinem roten Wams vor sich herträgt, dass er aus dem Gröbsten heraus ist, stellt schier die Kuppel von Saint Paul’s in den Schatten. Wir sind Mitte des 18. Jahrhunderts in London, das britische Weltreich hat sich niedergeschlagen in den körperlichen Befindlichkeiten, und wer zahlt, schafft an. Als man noch jung war, ließ man sich der Welt auf der Grand Tour zukommen, der Kavaliersreise mit der Richtung Italien und dem Erfüllungsort Venedig. Von dort brachte man die Entjungferung mit und eine Ansicht der Stadt, eine Vedute, auf der der Campanile zu sehen ist oder die wiederum ausladende Kuppel der Salute. Jetzt ist Krieg. Antonio Canal, genannt Canaletto, war gezwungen, seiner Kundschaft entgegenzukommen. Also London, die Themse oder Saint James‘ Park, wo man dann die Wampe spazieren führt.

Wunderbar kann man Canaletto über die Schulter blicken, wenn er sich der Theatralik widmet. Die Stadt ist dabei weniger Bühne als Kulisse, ein malerisch gemalter Hintergrund für die Menschen, die hier ihr Leben ausagieren. Im Venedig des 16. Jahrhunderts war der Alltag erfunden worden, Tizian hielt die Leute fest, wie sie kaufen und keifen, und Veronese gab ihnen die Hunde mit, damit sie sich benehmen wie die Menschen und die Menschen aussehen wir ihre Tiere. Das ist die eigentliche Haupt- und Staatsaktion, und wie schon damals, als Veroneses „Abendmahl“ umbenannt werden musste, weil so überhaupt nichts Heiligmäßiges darin enthalten schien, geht es bunt zu, vielfältig und sehr irdisch.

Bernardo Bellotto war der Neffe Antonio Canals, ging bei ihm in die Lehre und übernahm sein Pseudonym, das ein Toponym ist. Auch er ging in die Welt, in die große Welt der Residenzen, denn noch war nicht Revolution und die Politik vollzog sich zwischen Lever und Coucher und den anderen gastro-intestinalen Verrichtungen. Bellotto kam nach Dresden, nach München und nach Warschau und vor allem nach Wien. Deshalb also wieder einmal eine Ausstellung im Kunsthistorischen Museum. Sie widmet sich, besorgt von Mateusz Mayer, dem, wie es der Katalog im „Vorwort des Generaldirektors“ festhält, „neuesten Mitglied im Kurator*innenteam der Gemäldegalerie“, der „Beobachtung und Erfindung in Venedig, London und Wien“. Damit ist das Programm umschrieben: dass zum Gesehenen der Vedute immer die Konstruktion gehört, die der Szenerie auf die Sprünge hilft. Wer zahlt, schafft an. Und so fällt beim berühmten Canaletto-Blick über den Belvedere-Garten dann auch auf, dass nebenan, bei den Schwarzenbergs, überhaupt nichts los ist. Bei Habsburgs dagegen, diesseits der Hecke und in ihrem Schatten, treibt man es hübsch höfisch. Ein paar Gärtner und Sonstige, denen der Schweiß auf der Stirn steht, gehören zur Staffage.

Das Schlussbild der Schau ist ein Capriccio, ein Gute-Laune-Bild, auf dem sich Bellotto mutmaßlich selber porträtiert. Er hatte es nicht immer leicht mit seinen Hohen und Höchsten Herrschaften. Doch er scheint es geschafft zu haben. Seine Wampe jedenfalls ist ihrerseits beeindruckend.

Mehr Texte von Rainer Metzger

Werbung
Werbung
Werbung

Gratis aber wertvoll!
Ihnen ist eine unabhängige, engagierte Kunstkritik etwas wert? Dann unterstützen Sie das artmagazine mit einem Betrag Ihrer Wahl. Egal ob einmalig oder regelmäßig, Ihren Beitrag verwenden wir zum Ausbau der Redaktion, um noch umfangreicher über Ausstellungen und die Kunstszene zu berichten.
Kunst braucht Kritik!
Ja ich will

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung

Canaletto & Bellotto
24.03. - 06.09.2026

Kunsthistorisches Museum
1010 Wien, Burgring 5
Tel: +43 1 525 24 0
Email: info@khm.at
http://www.khm.at
Öffnungszeiten: Di-So 9.00-18.00


Ihre Meinung

Noch kein Posting in diesem Forum

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2026 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: