Robert Rauschenberg - Image and Gesture: Die Welt als gigantisches Gemälde
„Es gibt keinen Grund, die Welt nicht als ein gigantisches Gemälde zu betrachten.“ Dieses Zitat von Robert Rauschenberg (1925 – 2008) aus dem Jahr 1961 stellt Courtney J. Martin, die Geschäftsführerin der Robert Rauschenberg Foundation, an den Beginn ihrer Einführung im Katalog zur aktuellen Ausstellung Image and Gesture in der Kunsthalle Krems. Zum 100-Jahr-Jubiläum des Künstlers startete im Vorjahr ein international ausgelegter Ausstellungsreigen, der in München und Köln, New York, Madrid und Hongkong Station machte und nun in Krems seinen europäischen Abschluss findet. Die von der R.R.Foundation in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Institutionen erarbeiteten Werkschauen widmen sich jeweils einem besonderen Schwerpunkt in Robert Rauschenbergs umfangreichemn und vielfältigem Schaffen. Insofern wurden - auch in enger Zusammenarbeit mit Galerie Thaddaeus Ropac - für die Kunsthalle Krems etwa 50 Werke ausgesucht, in denen überwiegend fotografische Abbildungen und gestische Malerei - in diversen und durchaus experimentellen Methoden und Materialien - vom Künstler eingesetzt wurden. Als Ehrengast war Christopher Rauschenberg, der Sohn des Künstlers und Präsident der R.R.Foundation, Ende April zur Eröffnung nach Krems gekommen.
Der gebürtige Texaner Rauschenberg war nach einem Semester vom Pharmaziestudium abgesprungen, verweigerte als US-Marine im 2. Weltkrieg den Dienst an der Waffe und wurde Sanitäter, wobei diese Erfahrung ihn für soziale Themen sensibilisierte, was in späteren Jahren etwa in seiner ROCA-Initiative Ausdruck fand (s.u.). Mit 22 Jahren entschied sich Robert Rauschenberg dafür, Künstler zu werden, studierte in Kansas City, Paris und New York, wobei besonders prägend das kreative Umfeld des Black Mountain College war, das Nonkonformismus und das Ausloten bzw. Kombinieren von Techniken förderte. Im Wirkumfeld von Josef Albers, John Cage und Merce Cunningham, ebenso Cy Twombly oder Willem de Kooning entwickelten sich Kooperationen bzw. Experimentierprozesse. Die engste und prägendste Freundschaft entwickelte sich mit Jasper Johns, mit dem er auch ausgedehnte Reisen unternahm.
Der Ausstellungsrundgang im Obergeschoß beginnt mit Robert Rauschenbergs Arbeiten ab 1960, aus den Serien der „Combines“, „Transfer Drawings“ und „Silkscreen Paintings“. Es sind Bildwerke, die als Ergebnis der eingangs erwähnten Weltauffassung gesehen werden können, denn er bezieht Alltagsmotive, auch achtlos gewordene Fundstücke ein bzw. collagiert Text- oder Wortfragmente (Kurt Schwitters‘ Merz als fernes Echo) in seine flächigen Farb-Umwelten, die in kräftigen, breiten Pinselstrichen auftragen wurden – prominent an der Stirnwand platziert Rigger, 1961. Durch zweierlei Methoden – trockener Abrieb oder Lösungsmittel – entstanden ab 1961/62 die „Übertragungs-Zeichnungen“, in denen Abbildungen von Gegenständen, Gesichtern, Gebäuden, auch Worte durch enge Schraffurstriche aus Zeitungen abgerieben und in loser Kombination auf Papier aufgetragen wurden. Der Gesamteindruck ist hier eher blass, verhalten, nur wenige Aquarellakzente sind zugefügt. Ganz im Gegensatz dazu ist die Farbintensität bei den Motivcollagen, die durch Siebdruck auf Leinwand positioniert werden, neben, über und unter jenen typischen monochromen Farbaufträgen, was die Druckgrafiken auch zu Ölgemälden macht – Tree Frog, 1964.
Die Schau – und der Katalog – bringen weiters Beispiele für Lithografie und Siebdruck auf Papier oder mixed media auf Seide. Eine spezielle Werkgruppe bilden Arbeiten auf Metall, bei denen sich Siebdruckmotive auf der glänzenden Oberfläche mit oxidierten Bereichen überschneiden. - Unerwartet und beeindruckend sind auch die Fotodokumentationen von Performances: Ein Rollschuh-fahrender Robert Rauschenberg, der einen überdimensionierten Schirm geschultert hat – Pelican, 1963. Legendär ist auch die Zusammenarbeit mit der Merce Cunningham Dance Company, mit der es sogar im Juni 1964 - im Rahmen einer mehrmonatigen Show-Tour - einen Auftritt in Wien im Schweizergarten gab, wie sich John Sailer im Katalog erinnert. Der Allrounder Rauschenberg trat nicht nur als Akteur auf, sondern war auch für Kostüme und Licht zuständig.
ABER – nur eine Woche davor hatte Robert Rauschenberg auf der 32. Biennale in Venedig den Großen Preis für Malerei erhalten! Dazu war zuvor ein nicht unbedeutender „Kunstgriff“ nötig (Interventionen von Schlüsselfiguren der US amerikanischen Kunstszene wie NY Jewish Museum Direktor Alan Solomon und/oder Kunsthändler Leo Castelli bei Biennale-Präsident Professor Mario Marcazzan; als Favorit galt bislang Karel Appel...), denn eigentlich befand sich nur ein Werk von Robert Rauschenberg in den Giardini. Das ist ein Ausschließungsgrund. Seine eigentliche große Ausstellung mit 22 Bildern hing im Palazzo des (ehemalichen) US-Konsulats in Venedig. Kurzerhand mussten drei Bilder in das Biennale-Areal umgeschifft werden. – Diese Preisvergabe bedeutete den ultimativen Durchbruch der „New Art“, wie sie in New York bereits bezeichnet wurde, auch in Europa. Der Soft Power Coup der USIA (United States Information Agency) in Zeiten des Kalten Krieges war gelungen. Pop-Art, Abstrakter Expressionismus und Zwischenformen wie sie Robert Rauschenberg praktizierte als Zeugnis von Freiheit (im künstlerischen wie politischen Sinn) hatten sich durchgesetzt und mischten die Bild-Traditionen kräftig auf [1]. Weitere Erfolge waren vorprogrammiert.
Reisen gehörte schon seit der Studienzeit zu Robert Rauschenbergs Inspirationsquellen, wobei er immer auch um kulturellen Austausch bzw. sogar Kollaboration im Gastland bemüht war. In Japan besuchte er die Keramikwerkstätte Otsuka Ohmi, eine Manufaktur, die millimeterdünne Keramikplatten mit klassischen malerischen Motiven bedruckt. Dort entstand Untitled (Japanese recreational Claywork), 1983, nach Ansicht der Autorin die in mehrfacher Hinsicht subtilste Arbeit der Ausstellung. Zum einen, weil allein das leicht glänzende zerbrechliche Trägermaterial eine spezielle Ausstrahlung hat, zum anderen, weil durch die Kombination von Jean-Francois Millets Ährenleserinnen als Bildgrund und Edgar Degas‘ Ballettsaal der Oper in der Rue Peletier zwei kontrastierende Welten weiblicher Tätigkeit zwar konfrontiert, aber durch zwei querlaufende Linien eigenartig verschwestert werden: Die Ballettstange im oberen Bild ist vorgegeben, doch Rauschenberg zieht eine parallele rote Bodenlinie zu Füßen der gebückten Ährenleserinnen.
Am 22. Oktober 1984 (seinem 59. Geburtstag) verfasste Robert Rauschenberg seine „Absichtserklärung“ für ein globales, interkulturelles Kunstprojekt namens Rauschenberg Overseas Culture Interchange, kurz ROCI, das elf Länder umfassen und von 1984 bis 1991 dauern sollte. Die ausgesuchten Länder, bevorzugt Nationen mit repressiven politischen Systemen, wurden zuerst von Rauschenberg fotografisch erkundet, danach setzte er in seinem – absolut atemberaubenden - Anwesen/Atelier in Captiva, Florida, die Sujets in Bildwerke um. Schließlich wurden diese in den jeweiligen Ländern in Ausstellungen gezeigt, so in Mexiko, Chile, China, Tibet, Sowjetunion u. a. Seine Bilder wurden dabei als Inbegriff von moderner, freier Kunst präsentiert und propagiert. Der Künstler selbst verstand sein Projekt als völkerverständigend, Grenzen öffnend und humanistisch. „Malerei bezieht sich auf die Kunst wie auf das Leben. Herstellen lässt sich beides nicht. (Ich versuche, in der Lücke dazwischen zu agieren.)“ so versuchte der Künstler seine Arbeitsweise zu beschreiben.
Robert Rauschenberg, Revolver III, 1967, Siebdruck auf fünf rotierenden Plexiglasscheiben in Metallkasten mit Elektromotoren und Steuerungsmodul, 198 x 195 x 62 cm, Museum Ludwig, Köln/ Schenkung Sammlung Luwig 1976, Video: AJ
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[1] 1964 waren Herbert Boeckl und Alfred Hrdlicka im österreichischen Pavillon vertreten. An der internationalen Ausstellung nahmen Oskar Kokoschka, Josef Mikl, Andreas Urteil und Rudolf Hoflehner teil.
25.04. - 01.11.2026
Kunsthalle Krems
3500 Krems, Franz-Zeller-Platz 3
Tel: +43-2732 90 80 10, Fax: +43-2732 90 80 11
Email: office@kunstalle.at
http://www.kunsthalle.at
Öffnungszeiten: Mo–So 10-17 h
geschlossen am 24.12., 25.12., 31.12., 01.01.
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