Manfred Erjautz - Opera Scultura. The closer I get, the more I drift afar.
Skulptur als Oper
Manfred Erjautz‘ Opera Scultura, ein immersives analoges Kunstwerk mit Musik von Aubert Crovato, Severin Su und Martin Lesjak setzt neue Maßstäbe im Kunsterleben und ist als Unikates Werk mit nichts gleichzusetzen. Die Musik mit elektronischen, klassischen und zeitgenössischen Elementen verschmolz in einer Stunde fünfzehn Minuten mit Manfred Erjautz‘ visuell-skulpuraler Performance zu einem synästhetischen Gesamtkunstwerk.
Der Veranstaltungsort, der Dom im Berg, ist kein sakrales Bauwerk wie der Name vermuten lässt, sondern eine Stätte tief im Grazer Schlossberg, die über einen Tunnel zu erreichen ist und ihr Domhaftes über die Raumhöhe erreicht. Der Eindruck einer Keller-Disko ist immanent gegeben und wird auch durch die langgezogenen Bar auf der linken Seite des Raumes unterstützt. Ein gut gewählter Ort um sich mit dem Künstler gemeinsam auf die Suche nach Antworten auf die existentiellen Fragen der menschlichen Existenz zu begeben. Das Publikum hat zwar die Möglichkeit, auf Sitzreihen Platz zu nehmen, wird aber von Anfang an durch das Orchester mitgerissen, welches sich nicht klassisch im Orchestergraben befindet, sondern auf der Bühne prominent platziert ist. In einem fulminanten Auftakt der aus technoiden sich repetitiv wiederholenden Melodien und Beats besteht, wird man in eine Konzertsituation hineingezogen und geht vor der Bühne in Stellung. Gemeinsam mit der Hauptdarstellerin, der Mezzo-Sopranistin Camille Primeau, die im ersten Akt auf der Bar spielt, begeben sich die Besucher:innen in einer Bewegung gegen den Urzeigersinn in der unterirdischen Halle auf die Reise durch die vier Akte des Werks. Die zierliche Person mit gewaltiger Stimme mimt ein junges Mädchen in reinweißem Kleid, welches in einer Art des Erwachens und Befreiens in einen lauten inneren Dialog mit Skulpturen von Manfred Erjautz tritt. Am ersten Schauplatz interagiert sie mit der Skulptur „Shelter (Colored Horizon)“, ein menschlicher Rumpf der waagrecht über ihr hängt. Ihr paradoxes Selbstgespräch deutet auf ein erlebtes Trauma hin, dessen Natur jedoch im Verborgenen bleibt. Es ist aber sofort klar, dass hier eine gemeinsame Suche beginnt und es um die Fragen der Erscheinungen in der Welt geht. Aus ihrem Unterschlupf beobachtet das unschuldige Mädchen den bunten, angsteinflößenden unbekannten Horizont. Ihren inneren Dialog hält und singt sie abwechselnd in deutsch und englisch.
Im zweiten Akt begegnet das junge Mädchen, der ephemeren Skulptur „Shelter (The Awaking)“ Diese Projektion, ein Lichtspektakel vom Künstler an die Wand geworfen und live mit Skulpturen über Overhead Projektor erzeugt, gibt ihr Anleitungen und Erklärungen damit sie sich die Welt erschließen kann. Das bunte Licht enthält Botschaften und gewinnt an Plastizität im Raum. Die mittels einfacher Technik an die Wand geworfenen Bilder erzeugen bunte Lichtkörper im Raum - eine überraschend anschauliche Anlehnung an Skrjabins Farbenklavier. Als Selbstverständlichkeit nimmt man die wabernden Trockeneis-Nebel wahr, die die Plastizität des Lichtes ermöglichen und das Mystische der Szenerie unterstreichen. Aufgrund des mentorhaften Zuspruchs der Skulptur in diesem Akt und der Erklärung der Werkzeuge durch Manfred Erjautz, welcher live seine Projektionen am Boden zusammensetzt und durch die Interaktion mit der Sängerin ihr Anleitung zur Positionierung und Haltung im Leben gibt, keimt der Drang zur Selbstverwirklichung in der jungen Frau auf und die Freude darüber erfasst sowohl das Mädchen als auch das Publikum. Doch ganz plötzlich ertönt die akusmatische Stimme Thomas Mießgangs, dem Erzähler aus dem Off, von dem einzigen Logenplatz in diesem Opernsaal, mit der eindeutigen Warnung „open your eyes – Täuschung und Begehren werden dir den Weg erschweren".
Mit dieser Warnung betritt die Protagonistin in Akt drei die Szenerie eines surrealen Gartens bestehend aus verschiedenen Skulpturen die das zeitlose Refugium der Skulptur „Shelter (Blindflight) bilden. Das adoleszente Mädchen ausgestattet mit einer Helmkamera welche ihren Blick auf die Umgebung an die Wand spiegelt, wird sich im Garten der Zeit, dem Wandel und ihrer eigenen Endlichkeit gewahr. Über allem schwebt der Tod in Form eines menschlichen Skelettes welches sich die Hand vor die Augen hält und quasi blind wie Pallas Athene die eigene Unparteilichkeit darstellt. Aus dieser versucht der Tod nun herauszutreten indem er das Mädchen anspricht und ihr in einem Handel Unsterblichkeit im Tausch gegen Gefühl vorschlägt. Hin- und hergerissen zwischen diesen Möglichkeiten und der Verlockung ewigen Lebens erkennt die junge Frau noch rechtzeitig welch Fehler es wäre, ohne Gefühl weiterzuleben und schlägt das Angebot des Todes aus. Dieser löst sich daraufhin auf und stirbt.
Im musikalisch aufwogenden vierten Akt liest die Sängerin ein projiziertes „TIME IS“ von der Wand ab, an dem in assoziativer Auflistung weitere Wörter vorbeiziehen. Die Satzfragmente lösen sich auf bis nur noch ein Punkt übrigbleibt. Dieser singuläre Punkt steht laut Programmheft für das Satzende und gleichzeitig für jeglichen Anfang der Zeichnung. Diese Aussage klingt vertraut, hat sie doch bereits Kandinsky in seiner Abhandlung zur Bildkomposition „Vom Punkt und Linie zur Fläche“ beschrieben. Erjautz hat mit der Opera Scultura ebenso seine künstlerische Praxis für das Publikum zugänglich gemacht: „Vom performativen und immersiven zum Raum“. Wobei bei diesem Raum der innere mitgemeint ist.
Nicht zuletzt auch wegen der Atmosphäre innerhalb des Berges hat Manfred Erjautz es mit dieser Oper geschafft, das Publikum in einen Dialog mit den inneren Ebenen ihres eigenen Unterbewusstseins treten lassen um sich selbst und den anderen somit ganz nah und zugleich entfernt zu fühlen. Aufgrund des intensiven, die Sinne verkoppelnden ephemeren Erlebens der Oper, mag es nach der Aufführung genauso viele verstandene Botschaften wie Besucher:innen geben. Und doch gelingt es Erjautz universelle Inhalte anzusprechen die uns in Kunst und Leben gleich betreffen.
The closer I get, the more I drift afar.
Opera Scultura
Dom im Berg, Graz
14. und 15. Jänner 2026
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