Das Museum als digitaler Feed
1964 rennen drei junge Menschen durch den Louvre, eine Szene in Schwarzweiß, die im Gedächtnis bleibt. In »Band à part« macht Jean Luc Godard die Grande Galerie zu einer Strecke, die es zu bewältigen gilt. Was gewöhnlich ehrfürchtig als Kunstraum durchschritten wird, erscheint hier als Korridor beschleunigter Unbekümmertheit. Die Wette, schneller zu sein als ein US Amerikaner, der das Museum angeblich in neun Minuten fünfundvierzig Sekunden durchquert haben soll, verleiht der Szene etwas Spielerisches und zugleich Provokantes. Die drei, eine Frau und zwei Männer, laufen Hand in Hand durch die Hallen, während die Kunstwerke nur am Rand im Bild zu sehen sind. Sie rücken in den Hintergrund, auch der »Schwur der Horatier«, dessen Gestus der Verschwörung unter Dreien nicht zufällig den geplanten Coup der Jugendlichen spiegelt. Ein Aufseher versucht, Ordnung herzustellen, doch die dreiste Energie der Laufenden entzieht sich seinem Zugriff.
Harmlos ist diese Episode nicht. In ihr verdichtet sich eine Verschiebung, die das Verhältnis von Kunst, Raum und Körper neu justiert. Seit der Moderne büßt das Museum seine sakrale Schwerkraft ein. Der Akt des Laufens führt diese Erosion vor Augen. In ihm zeigt sich eine Bewegung, die die stillschweigende Hierarchie zwischen Werk und Betrachtenden kippt. Nicht das Bild hält den Körper fest, sondern die Körper entziehen sich dem Anspruch des Bildes. Sichtbar bleibt die Kunst weiterhin, doch ihre auratische Aufladung greift nicht mehr. Sie ruft nicht, sie bindet nicht, sie verlangt keine Verweildauer. Der Saal wird zur Durchgangszone, das Meisterwerk zum Hintergrund. So entsteht eine Geste jugendlicher Selbstermächtigung, die das kulturelle Erbe weder attackiert noch zerstört, sondern durch demonstrative Gleichgültigkeit seiner Würde entkleidet.
Fast ein Jahrhundert zuvor hatte Friedrich Nietzsche in seinen »Unzeitgemäßen Betrachtungen« eine Haltung beschrieben, die bei Godard eine filmische Zuspitzung erfährt. Der moderne Mensch, so Nietzsche, “laufe” in den Museen “durch die Geschichte”. Nicht die Bewegung irritiert ihn, sondern die Abstumpfung, die sie begleitet. Konzerte werden gehört, Bilder betrachtet, Differenzen registriert und doch tritt rasch Gewöhnung ein. Bildung, einst ein Versprechen auf Intensität, wird zur Immunisierung. Die eigentliche Gefahr liegt nicht im Mangel an Kenntnis, sondern im Übermaß, in der Fähigkeit, sich alles gefallen zu lassen. In dieser Doppelbedeutung liegt Nietzsches Pointe. Eine Kultur, die auf Gefallen und sich-gefallen-lassen setzt, verliert die Fähigkeit, von etwas getroffen zu werden, gegenwärtig zu sein.
Godards Szene verwandelt diese schleichende Gewöhnung in eine sichtbare Provokation. Das Durchlaufen wird zum Rennen, die Indifferenz zur demonstrativen Geste. Die eigentliche Verschiebung liegt jedoch weniger in einer Aggression als in der Neudeutung des Raumes. Der museale Saal wird zur Passage, zum Straßenbild, zum Rennplatz.
Der heutige Museumsbesuch steht unter anderen Vorzeichen. Ein Rennen durch die Säle ist angesichts des Andrangs an Publikum in Museen wie dem Louvre kaum vorstellbar, ebenso wenig eröffnet sich Raum für die stille Kontemplation, die einst als Ideal musealer Erfahrung galt. Zwischen Timeslots, Security Checks und ausgeklügelter Lenkung der Besucher:innen entstehen vielmehr andere Voraussetzungen der Wahrnehmung. Zum Beispiel gelten Schutz und institutionelle Vorsicht nicht allein den Kunstwerken, sondern auch den Mitarbeitenden. In der Grande Galerie weisen inzwischen Schilder auf respektvolles Verhalten gegenüber dem Personal hin.
Auch die Art und Weise, wie Kunst in Museen erlebt wird, hat sich gewandelt. Vor prominenten Gemälden, vor Bildern von Andrea Mantegna oder Tizian, ziehen Jugendliche heute in kollektiven Schüben vorüber. Der Strom der Vielen lässt kein individuelles Tempo zu. Sehen wird zur Abfolge von Eindrücken. Die Wahrnehmung erscheint sozial rhythmisiert, das Schauen seriell. Ein Bild folgt auf das andere. Jedes Werk wird kurz fixiert, vielleicht kommentiert, dann rückt bereits das nächste ins Blickfeld. Besucherinnen und Besucher lenken ihre Blicke, als scrollten sie durch einen digitalen Feed. Ihre Körper bewegen sich wie die Gesten ihrer Daumen.
Liegt in diesem schnellen Weitergehen die eingeübte Form einer einstigen Revolte? In gewisser Hinsicht ja. Auch hier verliert das Werk seine Unantastbarkeit. Anders als beim Rennen äußert sich das Weitergehen jedoch nicht als offene Missachtung. Es folgt vielmehr einem Muster, das sich aus digitalen Rezeptionsweisen erklärt und in das reale Museum überträgt. Darin zeigt sich kein Widerstand, sondern eine Gewohnheit.
Und genau diese Gewohnheit birgt auch ein Potenzial. Das verkörperte Scrollen reagiert auf die Überfülle der Werke nicht mit Reduktion oder asketischer Konzentration, sondern mit einer Strategie der Vervielfältigung. Gerade für viele Besucher:innen aus anderen Kontinenten eröffnet es eine Möglichkeit, sich der normativen Schwere des westlichen Kanons zu entziehen, ohne ihn offen zurückzuweisen. Zudem wird das Weitergehen zu einem Akt situativer Selbstbestimmung. Nicht länger bestimmt das Meisterwerk die Dauer und Intensität des Blicks, sondern die Betrachtenden setzen das Tempo. Indem sie an den Werken vorbeistreifen, sie vergleichend, selektiv oder flüchtig wahrnehmen, eignen sie sich den musealen Raum nach dem Modell digitaler Bildpraktiken an, ähnlich einem Feed, der nicht Ehrfurcht, sondern Navigation verlangt.
Die Autorität des Museums wird dabei nicht frontal angegriffen oder polemisch dekonstruiert. Vielmehr verschiebt sie sich in eine andere Bildfolge, in eine neu codierte Interaktion zwischen Werk, Raum und Publikum. Die Hierarchie bleibt sichtbar, aber sie wird in eine Sequenz überführt, die stärker vom Bewegungsrhythmus der Betrachtenden geprägt ist. Vielleicht zeigt sich in dieser veränderten Museumserfahrung daher weniger ein Verlust an Aufmerksamkeit als vielmehr eine Transformation medialer Handhabung. Digitale Praktiken – das Scrollen, Wischen, Weiterklicken – werden körperlich in den Ausstellungsraum übertragen. Das Museum wird nicht verlassen, sondern nur anders benutzt.
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Szene aus "Bande à part", Jean-Luc Godard, Frankreich 1964, Produktion Anouchka/Orsay
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