30 % Löwenzahn: Ein Parkspaziergang
Der Titel der aktuellen Ausstellung 30 % Löwenzahn im Kunsthaus Graz hat den Impetus einer Behauptung und wirft sofort Fragen auf: Worauf bezieht es sich, wer kommt zu diesem Ergebnis, für wen ist es relevant, ...? Die Künstlerin Suzann Anker stützt sich mit dieser Feststellung auf genetische Untersuchungen, wonach das Genom von Mensch (homo sapiens) und Löwenzahn (taraxacum/dens leonis) zu annähernd 30 Prozent ident ist. So vereint die Schau über 30 künstlerische Positionen, in denen die Mensch-Pflanze-Beziehung thematisiert wird – und das auf sehr unterschiedliche Weise. Es sind bewundernde Darstellungen von blühenden Gewächsen in Stein und Metall zu sehen, forschende, dokumentarische Blicke mittels Fotografie, Video und zusätzlich mittels KI, die sich an der Natur orientieren, aber auch experimentell-spekulativ-kritisch gegenwärtige Entwicklungen simulieren.
Himmelwärts ragend steht die Löwenzahn-Skulptur von Thomas Stimm auf dem Grazer Bahnhofsvorplatz – ein Vorbote und farbiges Schau-Mal in der weiten, steingrauen Runde. Auch an andere Außenstellen – bis nach Stainz – sendet das Universalmuseum Joanneum seine Sprossen und Ableger im Rahmen des Jahresthemas BLOOM. Zentral im Kunsthaus warten neun echte, schlichte Sträuße von Nelken, Tulpen, Rosen, Kornblumen, Orangen, Lotusblüten u.a., eher als Denk-Mal gedacht: Anna Jermolaewas The Penultimate, 2017, verweist auf stattgefundene Revolutionen, die mit Blumennamen bezeichnet wurden. Weniger künstlerische, noch politische Ambition steckt hinter der faszinierenden Darbietung sandgetrockneter Blütenpflanzen aus aller Welt, vielmehr die Begeisterung und Sammelleidenschaft von Wolfram Hanning (1923 – 2009), der als Privatperson ein Museum mit Pflanzen, Insekten und Mineralien betrieb. Ebenso wie die mehrere Hundert Glaspräparate umfassende Installation aus Hannings Nachlass stammt auch das Blumenmosaik von Dirck van Rijswijk (1596–1679) aus der Sammlung des Joanneum. Die Perlmutt-Einlegearbeit in der Art niederländischer Prunkstillleben stellt neben aller Blüten-Girlanden-Üppigkeit samt Insekten-Entourage in der rechten unteren Ecke ein angekettetes Wesen, schwer interpretierbar als fellarmes Äffchen oder doch Menschenwesen, Triumph der Zämung oder Knechtung?!
Die Schnittblumenindustrie wird von zwei Künstlerinnen kritisch beleuchtet. Die frühe Arbeit Flower Fields, 1974, von Martha Rosler zeigt bunte Blumenfelder entlang des Highway 5 an der US-Westküste. Die Felder wirken zunächst wie abstrakte Farbfeldmalerei. Erst beim Heranzoomen erkennt man in den Feldern die gebückten ArbeiterInnen und Bilder von Straßenblockaden der Einwanderungspolizei lassen auf den prekären Status der Menschen schließen. Sonya Schönbergers Kenyan Roses for the Kingdom, 2019 fokussiert in ihren Leuchtkästen auf Preis und Haltbarkeitsgarantie von vorgefertigten Rosensträußen in Supermärkten. Große Leinwand bietet Sanja Iveković dem Mohn. Bereits 2007 verwandelte sie auf der documenta 12 in Kassel den Friedrichsplatz in ein über 6.500 m2 großes Mohnfeld. Die dazu entstandene Videoarbeit Mohnfeld meint sowohl den Klatschmohn, der in Kroatien ein Symbol für Widerstand ist, als auch den opiumhaltigen Schlafmohn mit seinen wirtschafts-politischen Implikationen. Ein kleiner Monitor, ganz 70er Jahre, spielt Garden (University of California, Santa Cruz), 1971, von Michael Stusser ab. Der Filmer war als Student bei dem Gärtnerphilosophen Alan Chadwick, der die biodynamische Gartenlehre von Rudolf Steiner übernommen hatte und in Kalifornien einen kargen Hügel in einen „magisch“ blühenden Garten verwandelte. Anmerkung: Der Löwenzahn ist eine der sechs bio-dyn Präparatepflanzen. Und Agnes Denes Projekt Weizenfeld – eine Konfrontation kommt in den Sinn. 1982 pflanzte die Künstlerin zusammen mit Freiwilligen ein Weizenfeld auf einer ehemaligen Mülldeponie nahe des World Trade Centers in New York! –
Unübersehbar präsentieren sich Anita Fuchs‘ lebensgroße Ghillie Suits, 2025/2026, schnellhin als „Strohmandl“ kategorisiert. Es sind aber krautig-zottelige Bekleidungsstücke, deren Bezeichnung auf die schottischen Ghillie Dhu zurückgeht, blätter- und moosbedeckte Wesen, die den Wald beschützen. Gesehen hat man eventuell schon die Abbildung der Arbeit von Joiri Minaya auf Plakaten zur Ausstellung. Prompt hier als Eye-Catcher eingesetzt, hinterfragt die Künstlerin in ihren multimedialen Arbeiten eigentlich die Nachwirkungen von Kolonialismus und Exotismus. Funktioniert er noch immer?! In ihren Bildcollagen Divergences verschwinden und verschwimmen weibliche Körper mit ihren stark gemusterten Stoffhüllen und ebenso mit dem Hintergrund. Eine ähnlich reich gemusterte, stoffüberzogene Installation thematisiert Sichtbarkeit und Durchlässigkeit.
Was hat die KI zu bieten an künstlich-künstlerischen Kreationen? In ihrer Serie Still Life 3000 lässt Claudia Larcher KI generierte (Recycling-)Blumenarrangements mit der Tradition des klassischen Stilllebens in Dialog treten - inspiriert von zwei flämischen „Blumenporträts“ des frühen 17. Jahrhunderts aus der Sammlung der Alten Galerie. Und es gibt ein Wiedersehen mit Agnieszka Polskas Video The Book of Flowers, 2024. Wie wäre es, wenn Blumen und Menschen in enger Symbiose zusammenleben? Auf Basis von Archivmaterialien aus den 1950er-Jahren, bearbeitet mit KI, entführt die Künstlerin in eine knapp 10minütige fiktionale Geschichte, komponiert aus den Einflussbereichen Wissenschaft, Kunst und spekulativer Imagination – vielleicht genau zu je 33,3 %.
In gewisser Weise kann man durch die Ausstellung wie durch einen Garten oder Park spazieren, in dem verschiedene alte Gehölze neben Zucht- und Zierpflanzen und Neophyten stehen; in dem manches „zu einem spricht“ und zum Verweilen einlädt, manches erstaunt, abschreckt oder entdeckt werden will, weil es „im Schatten steht“; in dem man alte Bekannte trifft - Karl Blossfeldt etwa - oder jemand sein Werkzeug und Fachlektüre liegen gelassen hat - wie die Gartenschere und Pflanzenbücher von Barbara Frischmuth.
21.03. - 08.11.2026
Kunsthaus Graz
8020 Graz, Lendkai 1
Tel: +43/316/8017-9200, Fax: +43/316/8017-9800
Email: info@kunsthausgraz.at
http://www.kunsthausgraz.at
Öffnungszeiten: Di-So 10-18, Do 10-20 Uhr
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