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Brief aus Riad, Saudi Arabien

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Manchmal beginnt eine Reise schon mit einem Superlativ. In meinem Fall mit einem erste Klasse Flug nach Riad. Kurzfristig zum Pressetrip eingeladen zur siebten Ausgabe von ⤇ Tuwaiq Sculpture, jenem Großprojekt, das sich selbstbewusst in die „Vision 2030“ einschreibt, Saudi-Arabiens Masterplan mit dem sich das Königreich neu erfinden will. Zur Eröffnung erscheinen 900 geladene Gäste, Flutlicht, Pathos. Seit 2019 zählt das Format zu den Leuchttürmen der ⤇ Royal Commission for Riyadh City.

Saudi-Arabien erzählt sich neu. Das territorial größte und politisch schwergewichtige Land der Arabischen Halbinsel hat unter dem 1985 geborenen Kronprinzen Mohammed bin Salman, kurz MBS, eine bemerkenswerte Aufholjagd hingelegt. Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur – alles scheint im Modus der Transformation. Kunst, Sport, Tourismus: die neuen Säulen einer Zukunft, die weniger nach Öl riechen soll und mehr nach globaler Anschlussfähigkeit.

Tuwaiq Sculpture ist ein Baustein dieser Erzählung. 750 Einreichungen, 25 ausgewählte Künstlerinnen und Künstler aus 15 Nationen. Kuratiert von Rut Blees Luxemburg und Sarah Staton, beide selbst Künstlerinnen und mit Lehraufträgen am Royal-College-of-Art, sowie der in Riad aufgewachsenen, in London am Central Saint Martins College ausgebildeten Künstlerin und Galeristin Lulwah al Homoud. Alle drei bringen reichlich internationale Ausstellungserfahrung mit.

Einen Monat lang arbeiteten die 25 Künstlerinnen und Künstler auf einem weitläufigen Gelände in der Nähe der belebten Tahliah Street, „Riads Champs-Élysées“, an ihren großformatigen Skulpturen. Zur Verfügung gestellt werden in diesem Jahr drei unterschiedlich schattierte Granitsorten, ein besonders schwer zu bearbeitendes Material, sowie erstmals recyceltes Metall, um größere formale Vielfalt zu ermöglichen. Unter den Künstler:innen, die in dieser siebten Ausgabe teilnehmen, sind regional bekannte Namen wie Wafa Alquinibit, die schon mehrfach bei Tuwaiq mitwirkte, der in Ghana geborene und in Norwegen lebende Künstler Samuel Olou, die zwischen Amman und London agierende Raya Kassisieh, RCA und Pratt Institut diplomiert , José Cárcamo, Chilene und einziger Vertreter aus Südamerika, der zwar kein English spricht, aber mit Spanisch dennoch gut durchzukommen scheint, oder Niccolo Fucci aus Italien - um einige zu nennen. Einen Überblick aller 25 Künstlerinnen und Künstler ⤇ gibt es hier.

Der Entstehungsprozess der Skulpturen ist öffentlich. Familien flanieren durch den Staub, junge Männer machen Selfies vor den entstehenden Objekten, Frauen in Abaya oder Jeans diskutieren mit den Künstler:innen Formen und Oberflächen. Nähe zur Bevölkerung ist Programm, Partizipation zentral bei den Projekten der RCRC. Die jungen Leute, Assistenten und Vermittlerinnen, denen wir im Laufe der Reise begegnen, sprechen allesamt fließend Englisch, wirken selbstbewusst, zugewandt. Manche Frauen ohne Tuch und perfekt geschminkt, andere verhüllt, nur die Augen sichtbar. Meine eigenen Projektionen decken sich nicht mit den Begegnungen vor Ort. Auch das ein Teil des Gebotenen, einen Grund für Begegnung zu schaffen, um die eigenen Vorstellungen zu hinterfragen. Wahrnehmung schärfen, nicht zwangsläufig nur durch die Kunst, sondern den Kontext, das Drumherum.

Befragt nach dem gemeinsamen Monat des Arbeitens und Wohnens – untergebracht ist man im Fünf-Sterne-Hotel – zeigen sich die Künstlerinnen und Künstler enthusiastisch. Unterschiedliche Generationen, verschiedene kulturelle Prägungen, vereint im Tun. Ein Bildhauerfestival mit der Atmosphäre eines Pfadfinderlagers.

Am Abend der Eröffnung stehen die 25 fertigen Arbeiten auf einem weitläufigen Freiluftareal, dramatisch inszeniert mit dutzenden Scheinwerfern. Das Publikum ist bunt gemischt. Männer in ihren kleidsamen Qamis, bodenlangen weissen Kleidern und am Kopf getragenen Kufiyas; Frauen mit Abayas, einfach schwarz oder aufwendig bestickt, mit losen Kopftuch oder Niqab, dem Gesichtsschleier, der nur die Augen freilässt. Ich suche das Gespräch mit einer Gruppe Niqab tragender Frauen. Sie sind aufgeweckt, redefreudig und in keiner Weise scheu. Eine der jungen Frauen erzählt mir, dass sie die Fotodokumentation des Projektes über hatte. Ich trage keine Kopfbedeckung und fühle mich nicht fehl am Platz. Die Kunst schafft den Raum, um ungezwungen neugierig zu sein, um „in Berührung“ zu kommen.

Nach den Festivitäten und der Ausstellungszeit bis zum 22. Februar werden die Skulpturen im Stadtraum verteilt und in die Riyadh Art Collection überführt. In der ⤇ Permanent Collection, die seit 2021 aufgebaut wird, finden sich prominente Namen wie Alexander Calder, Anish Kapoor oder Ugo Rondinone neben noch weniger bekannten Künstler:innen aus der Region. Man trifft sie an in den neu eröffneten Metrostationen und öffentlichen Gärten. Bei einigen, der in diesem Jahr ausgestellten Skulpturen, kann ich mir gut vorstellen, dass sie an „ihrem Ort“ ein Eigenleben entwickeln, für die Menschen wichtig werden, als Treffpunkt, Sitzplatz, Foto-Op.

So wünscht es sich auch das RCRC – 1000 Skulpturen sollen es am Ende werden, die Kunst allen zugänglich, saudische Talente auf Augenhöhe mit internationalen Positionen, Produktionsorte und Ausbildungsstrukturen sollen ausgebaut, die lokale Kunstuniversität durch internationale Kooperationen gestärkt werden. Die Mittel sind vorhanden, der Ehrgeiz ist ungebrochen. 

Riad boomt. Überall Baukräne, Umleitungen, vieles glänzt schon jetzt. 2030 wird hier die Expo stattfinden, 2034 der FIFA World Cup. Das Königreich in der Wüste glaubt an die Zukunft im Zeitraffer. Und mittendrin Skulpturen, die bleiben sollen – als Orte der Begegnung, als ästhetische Wegmarken, als Einladung.

Man erinnert sich: Auch die Art Dubai und der Louvre Abu Dhabi wurden einst skeptisch beäugt, als kultureller Ausverkauf kritisiert. Heute sind sie etabliert. Die Art Basel Qatar, die ein paar Tage zuvor über die Bühne ging, wird als Blaupause zur Finanzierung von Kunstmessen diskutiert. Die ganze Region ist in Bewegung, mit Blick auf Iran und Gaza immer hart am Limit zum Abyss. Die Zeit wird es weisen, ob wir in wenigen Jahren ähnlich auf Riad blicken wie heute schon auf Doha und Dubai.

Tuwaiq Sculpture mag auf den ersten Blick den Charme von Verkehrsinsel-Kunst versprühen. Doch in der Begeisterung der Mitmachenden, im Interesse der Besucherinnen, im selbstverständlichen Nebeneinander von Tradition und globalem Gestus liegt ein anderer Ton. Einer, der weniger schrill und belanglos ist als erwartet.

Optimismus ist hier kein leises Gefühl, sondern ein Bauplan. Und vielleicht ist es gerade diese Unerschrockenheit, dieses Beharren auf Zukunft, trotz allem, das irritiert – und beeindruckt. Ein Optimismus, den man aus europäischer Komfortzone betrachtet schnell als Inszenierung und „art washing“ abtun kann. Vor Ort jedoch bekommt diese Sicht Risse, alles stellt sich komplexer, weniger schwarz weiss dar. Wie die Skulpturen, die demnächst die Stadt prägen sollen.

Im Dunkel meiner erste Klasse Liegeinsel im Flugzeug am Weg retour, bin ich froh über diesen Sneak Peek in die Zukunft; möge sie so rosig sein, wie geplant, inshallah.

Mehr Texte von Ana Berlin

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Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
Kunst?
Sambel_45 | 17.02.2026 19:05 | antworten
Ich habe den Eindruck: Um Kunst geht es hier nicht. Weder im Artikel noch in den Arbeiten und auch nicht in den Fotos. Aber es freut wenn schön und bequem gereist und gewohnt wurde.

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