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Zu wahr, um Roman zu sein

Bisweilen spielt das Leben Geschichten, die man sich nicht einfallen lassen würde. Das Leben der Künstlerin Stephanie Hollenstein ist so eine fast unglaubliche Story. Aus den prekären Verhältnissen einer Vorarlberger Bauern- und Stickerfamilie kommend, erfährt sie in München ihre künstlerische Ausbildung und den Impuls ihre Homosexualität fortan offen zu leben. Als Krankenschwester abgelehnt, zieht sie als Mann verkleidet in den 1.Weltkrieg und steht auch danach, wie man so schön sagt, ihren Mann. Sie ernährt die Familie in Vorarlberg, baut ein dort Haus und macht als expressionistische Künstlerin ebenso in Wien Karriere.  So weit so vorbildhaft, doch entwickelt sich Hollenstein früh zur glühenden Verehrerin Hitlers, publiziert antisemitische Schriften, steht der Nachfolgeorganisation der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs als Präsidentin vor und scheint auch sonst eine herrische, egozentrische Frau gewesen zu sein.

Mit dem Jahr 1938 und der Machtübernahme der Nazis gleicht sie ihr bislang expressionistisch eigenständiges Œuvre dem nun vorherrschenden Geschmack an, einem Freund schreibt sie: „Der Nationalsozialismus hat einen neuen Werkmesser für die Kunst aufgestellt. Er lautet: Kunst ist das, was das Volk versteht“, und wenngleich Werke von Hollenstein weiterhin am Markt reüssieren, würde man der Künstlerin heute wohl eher keine umfassende Monografie widmen. Eine Biografie über diese ambivalente Persönlichkeit hat nun die ehemalige artmagazine-Kollegin Nina Schedlmayer verfasst. „Packend wie ein Roman“ kündigt der Klappentext an, dem kann man nur teilweise zustimmen, denn „Hitlers queere Künstlerin“ ist packend, folgt jedoch keiner herkömmlichen Erzählstruktur, sondern erfasst akribisch recherchiert das Leben der Künstlerin und platziert es in ein klar gezeichnetes Gesamtbild der Zeit und ihrer Themen. Wer sammelte die Künstlerin, wie sah die Kunstkritik aus, gibt es vergleichbare Positionen?

Darüber hinaus stellt Schedlmayer stets Bezüge zur Gegenwart her, etwa -naheliegend- zu Alice Weidel der lesbischen Vorsitzenden einer in Deutschland als rechtsradikal eingestuften Partei. „Kogntive Disonanz“ ist die Begrifflichkeit, für das, was die beiden Frauen beispielhaft für unsere Zeit verbindet, das Wissen um eine Unvereinbarkeit, im Falle der beiden, ihre gelebte sexuelle Disposition und ihre rechtsextreme Haltung. Ebenso lässt uns die Autorin teilhaben an ihrer Annäherung an das Leben der Protagonistin. Man begleitet sie in Archive, Sammlungen, Bibliotheken, trifft mit ihr auf -wertschätzend- namentlich genannte Menschen, die sich in den jeweiligen Institutionen mit ihren Kompetenzen oftmals als große Hilfe erweisen. Schedlmayer lässt sich über die Schulter blicken beim Lesen von Korrespondenzen und Dokumenten, lässt uns nachvollziehen, wie all diese Archivalien, ohne spekulatives Deuten, biografisch eingeordnet werden können.

Biografien müssen nicht als Romane funktionieren, bei denen dürfen Realität und Fiktion in aller Willkür verbunden werden.[1] Biografien müssen es leisten, in aller Distanz zur jeweiligen Person, in aller Sorgfalt (und analog) recherchiert ein Individuum in seiner Zeit gut lesbar zu vermitteln. „Hitlers queere Künstlerin“ ist hierfür nachgerade ein Musterbeispiel.

Nina Schedlmayer
Hitlers queere Künstlerin, Stephanie Hollenstein, Malerin und Soldat.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2025
ISBN 9783552075122
Gebunden, 320 Seiten, 28,00 EUR

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[1] Brigitte Herrmann, Die Suche nach der eigenen Farbe - Das widersprüchliche Leben der Malerin Stephanie Hollenstein. Roman. Gmeiner Verlag, Meßkirch, 2025

Mehr Texte von Daniela Gregori

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