Stürmischer Herbst
Überraschend gut verlief das Auktionsjahr ab der Herbstsaison. Ähnlich wie in New York, London und Paris, hat der Markt an Fahrt aufgenommen, und die meisten Kunstversteigerer im deutschsprachigen Raum könen sich über ordentlich bis sehr gute Ergebnisse freuen.
Das Dorotheum jubelt in einer Presseaussendung, ihm werde „es heuer gelingen, das ausgezeichnete Ergebnis des Vorjahres noch zu übertreffen und ein Rekordergebnis zu erzielen. Wie hoch dieses Ergebnis ausfallen wird, teilen die Wiener jedoch in gewohnter Manier nicht mit. Den höchsten Zuschlag des Jahres erzielte das Haus im November mit der Gouache „Kauernder Rückenakt“ von Egon Schiele, der 3,23 Millionen Euro inklusive Aufgeld erzielte. Bei der zeitgenössischen Kunst unterstrich das Dorotheum seine Bedeutung als Plattform für den europäischen Osten. Die Liste der Topzuschläge in der Sparte führen Mikuláš Medek (812.500 Euro) und Zdeněk Sýkora (737.500 Euro) an, deutlich vor der Lokalmatadorin Maria Lassnig, deren „Selbstportrait mit Engel“, bzw. „Kleiner Harlekin“ aus dem Jahr 1961 „nur“ 481.000 Euro brachte. Die wahrscheinlich publikumswirksamste Versteigerung fand online statt und war Zeichnungen Andy Warhols gewidmet, die der ehemalige Münchner Galerist Daniel Blau eingeliefert hatte.
Den kalendarischen Beginn der Herbstsaison markierte Kornfeld in Bern, das mit der Nachlassversteigerung seines Gründers Eberhard Kornfeld im September zusammen mit dem regulären Angebot insgesamt rund 80 Millionen Franken einspielte. Allein zwei Gemälde von Franz Gertsch und Claude Monet brachten jeweils deutlich über fünf Millionen Franken (inklusive Aufgeld) ein.
Unangefochtener Marktführer in Deutschland ist Ketterer Kunst in München. 51 Millionen Euro hat das Unternehmen nach eigenen Angaben im zweiten Halbjahr umgesetzt, inklusive Aufgeld, aber ohne Private Sales. Knapp 30 Millionen kamen allein durch die Prestigeauktion im Dezember herein – ohne Aufgeld. Auf 26 Millionen Euro beziffert Ketterer den Umsatz seiner Frühjahrsauktionen. Das teuerste Los der Abendauktion im Herbst und des gesamten Jahres in Deutschland war ein kompletter Satz von zehn „Marilyn“-Siebdrucken Andy Warhols, die einem Bieter aus der Schweiz ein Gebot von 3,6 Millionen Euro entlockten – mit Aufgeld kostet das Set aus einer 250er-Auflage 4,488 Millionen Euro. Auf Rang Zwei landete Wassily Kandinskys abstrakt-geometrische Komposition „Behauptend“ aus dem Jahr 1926 für 3,135 Millionen Euro. Eine große Überraschung hielt der Day Sale mit Aristarkh Vasilevich Lentulovs „Datscha in Kislovodsk“ aus dem Jahr 1913 bereit, die bei einem Schätzwert von 20.000 Euro auf 1,135 Mio. Euro getrieben wurde. Bei den Münchener Kollegen von Karl & Faber kam Kandinskys etwas weniger attraktive und spätere Arbeit „Beruhigt“ auf 1.244.600 Euro, die dem Haus sein erstes Millionenergebnis bescherte.
Grisebach in Berlin meldet ein Jahresergebnis von 47 Millionen Euro, knapp 20 Prozent mehr als im Vorjahr und genausoviel wie 2023. Eine runde Million Euro und damit einen Rekordpreis (inklusive Aufgeld 1,27 Mio.) für Paula Modersohn-Becker erzielte ihr kleines „Selbstbildnis nach halblinks“. Mit 1.416.400 Euro ging Georg Kolbes Skulptur „Stehende Frau“ von 1915/16 (250.000/350.000 Euro) ebenfalls für einen Rekordpreis an eine deutsche Privatsammlung. Für eine Überraschung sorgte beim 19. Jahrhundert das Aquarell „Gruft der Liebfrauenkirche in Halberstadt“ von 1853 von Adolph Menzel, das von 40.000 auf 355.600 Euro stieg.
Henrik Hanstein vom Kunsthaus Lempertz beging sein 50-jähriges Dienstjubiläum Anfang Dezember mit der Sonderauktion „My Choice“. 50 Lose aus allen Sparten, bot der Kölner in einem Katalog an, von der Antike bis zur Gegenwart. Sechsstellige Zuschläge in allen Bereichen sorgten für ein Ergebnis von 6,6 Millionen Euro. Die Brunnenfigur „Stehende Kuh“ Ewald Matarés von 1938, die das Ehepaar Rusker mit ins chilenische Exil nahm, markierte mit 352.800 Euro einen Rekord für den Künstler. Ebenfalls einen Höchstpreis für den Niederländer Josef van Bredael erzielte mit 403.200 Euro dessen „Turmbau zu Babel“ aus dem frühen 18. Jahrhundert. Bereits im November konnte ein unbekannter Meister des 17./18. Jahrhunderts aus Peru mit dem „Triumph des Glaubens und der Katholischen Kirche“ überzeugen – von geschätzten 50.000 Euro ging es bis auf 579.600 Euro.
Die Kölner Kollegen von Van Ham freuen sich über „das erfolgreichste Auktionsjahr in der Geschichte des Hauses“ mit einem Gesamtumsatz von 56 Millionen Euro, sechs Prozent mehr als im Vorjahr, zu dem allein die Segmente Modern, Post War und Contemporary 42,6 Millionen Euro beitrugen. Ein Millionenzuschlag war allerdings nicht dabei. Teuerstes Los war in der Frühjahrsauktion Andy Warhols „Porträt einer Frau (nach Lucas Cranach)“ aus der Auflösung der Bayer Collection für 815.340 Euro (Raxe 600.000 Euro). Die Unternehmenssammlung spielte brutto 5,6 Millionen Euro etwas mehr als ihre obere Netto-Taxe von 4 Millionen Euro ein.
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