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Sofia Mitsola - Psyche of Fae O: Jenseits der Lust

Der sexuell aufgeladene Spieltrieb in den Bildern der in London lebenden griechischen Malerin Sofia Mitsola scheint sich dem Ernst der Gegenwart nicht zu entziehen, sondern ihm auf eigentümliche Weise zu antworten. Was auf den ersten Blick als frivoles Spiel erscheint, erweist sich als ein komplexes Geflecht aus Begehren, Projektion, Unbehagen und kultureller Zuschreibung. Mitsolas Malerei bewegt sich in einem Spannungsfeld, in dem erotische Überzeichnung ebenso präsent ist wie eine subtile Distanz zur eigenen Bildsprache.

Die Atmosphäre des entzückenden Boudoirs, das die Künstlerin in der Galerie Eva Presenhuber erstmals ihren Bildern hinzugesellt hat, ist ein Ort weiblicher Wonne und Selbstbestimmung – und zugleich von einer Ambivalenz durchzogen, die an Unterwerfung erinnert. In ihren Bildern, die an visuelle Codes der Pornografie gebunden sind, geht es weniger um eine Provokation als um die Frage, welche Erwartungen wir heute noch an Bilder von Frauen richten. Der sexuelle „Spieltrieb“ fungiert dabei nicht als bloße erotische Geste, sondern als Mittel, um die Fragilität ebenso wie die Beharrungskraft kultureller Bildmuster sichtbar zu machen – Muster, die trotz ihrer vermeintlichen Erosion nach wie vor wirksam sind.

Die Gemälde, darunter etliche Großformate, zeugen von technischem Können und überraschen mit ungewöhnlichen, verkürzten Perspektiven und Formen. Mitsola konzentriert sich ausschließlich auf Darstellung von Frauen, auf ihre rätselhaften Blicke und vermeintlich magischen Kräfte, die durch die Anwesenheit von Tieren noch verstärkt werden. Zur Aktualisierung des Topos der Weiblichkeit verbindet sie antike Bildtraditionen mit narzisstischen Posen der Internetkultur. Historische Referenzen – von Bonnard über Picasso bis zu Hans Bellmer – werden nicht zitathaft aufgerufen, sondern in eine zeitgenössische Bildsprache selbstbewusst überführt. Auffallend an Mitsolas Methode ist das spannungsreiche Ineinandergreifen von Dekadenz und Frische sowie die bewusste Reminiszenz an alte, „opernhafte“ modernistische Konventionen.

Die neuen Ansätze liegen in der Behandlung der Oberfläche, in Dichotomien wie flach und porös, ebenso wie in der Kombination emotionaler Gegensätze: Kühle Ironie trifft auf aufgeladene Erotik, lakonische Distanz auf sentimental anmutende Verzauberung.

Einige der Frauengestalten mit ihren üppigen, wellenden blonden oder roten Haaren und maskenhaften Gesichtern erinnern entfernt an jene an der Stirnwand des Beethovenfrieses in der Wiener Secession. Mitsola markiert die Sexualzonen ihrer Figuren jedoch jeweils mit roten Flecken und verwandelt sie so in überhitzte, beinahe giftig wirkende Vaginen – als parodiere sie Klimt und überführe dessen Malstil direkt in die Bildsprache des Pornografischen.

Eines der mittelgroßen ausgestellten Bilder „Sasha and Prudence“, zeigt ein elegantes Damenpaar. Die Figuren wirken, als stünden sie am Beginn eines lustvollen Erwachens und zögerten nicht, dieses mit Hilfsmitteln unmittelbar auszuleben. Gegensätze werden bewusst zur Schau gestellt: Bekleidet trifft auf unbekleidet, Dunkel auf Hell, Ordnung auf Enthemmung. In einem anderen Gemälde steigert sich die Brüskierung: Eine Frau mit welligem, blondem Haar überlässt sich unverhohlen ihren Empfindungen – beinahe beiläufig, während sie liest und raucht. Lust erscheint hier nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständlicher Teil des Alltags. Ganz im Sinne der Gender-Theoretikerin Judith Butler erweist sich Sexualität als performativer Akt: als das, was man – sichtbar, ohne großes Aufheben – immer wieder tut. Vergangenheitsscheu und moralische Zurückhaltung sind passé.

Der Ausstellungstitel „Psyche of Fae O“– schließt bewusst an weibliche Fantasiefiguren, wie „Anna“ oder „Jackie O.“ an. Das Sofa, das Franz West einst so feierte, fehlt, stattdessen tritt die ebenso berühmt-berüchtigte Psyche auf – ein Tisch, der hier nicht länger ein Möbel ist, sondern der Ort der Konfrontation. Weibliche Sexualität erscheint hier nicht als Objekt, sondern als Akt, der Präsenz erzeugt, Unbehagen provoziert und die leichte Konsumierbarkeit erotischer Bilder unterläuft.

Mehr Texte von Goschka Gawlik

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Sofia Mitsola - Psyche of Fae O
16.01. - 10.04.2026

Galerie Eva Presenhuber Wien
1010 Wien, Lichtenfelsgasse 5
Tel: +41 43 444 70 50
Email: info@presenhuber.com
https://www.presenhuber.com/
Öffnungszeiten: Di-Fr 11-18, Sa 11-15 h


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