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Malte Waldmüller ein Iphone?

In der Serie der Causeries wurde Ferdinand Georg Waldmüller bereits als jemand vorgestellt, der künstlerisch die Fähigkeit besaß, seine Zukunft vorauszusehen. Ausgerechnet der maltechnische Realist und künstlerisch Konservative geriet aus dieser Perspektive zu einem unfreiwilligen Vertreter der Avantgarde. In einem Gemälde, das den Fuschlsee zeigt, scheint er die Klimakrise und die Verwüstungen des Anthropozäns vorauszuahnen (⤇ siehe die Causerie vom März 2025). Was vermutlich nur eine Fehlstelle im Bild oder ein unvollständig ausgeführter Bildgrund war, wirkt heute wie ein Erdrutsch, vielleicht sogar wie eine Brandnarbe in der sonst so satten Natur.

Doch dieses Gemälde geht darüber hinaus. Waldmüller zeigt sich als Prophet medialen Alltags. Ganz seinen künstlerischen Vorlieben entsprechend präsentiert er eine Landschaft. Zu sehen sind die weichen Ketten der Voralpen im Hintergrund, einzelne Gebäude in der Talsohle und ein Weizenfeld mit üppigen Garben. Spätsommerliche Felder und Wälder schimmer unter einem Himmel, der nur von sanften Wolkenschlieren überzogen ist. Ein schmaler Weg führt dorthin, begrenzt von Buschwerk. Das Licht, das durch die Blätter dringt, ist lebendig, vielfältig, vibrierend. Links im Vordergrund ist der Pfad unbewachsen, Steine liegen frei, wohl durch ein Unwetter ausgeschwemmt. Ein stilles Zeichen von Erosion, fast unbemerkt, und zugleich eine geologische Metapher für die Fragilität menschlicher Annäherung.

Die wahre Meisterschaft des Bildes liegt jedoch weniger in der Naturbeschreibung als in psychologischer Raffinesse. Die Natur dient als Bühne für eine zwischenmenschliche Begegnung, oder besser gesagt für eine Nicht-Begegnung. Rechts, gegenüber den lose gehäuften Steinen, kniet ein Jüngling in bäuerlicher Sonntagstracht, mit Hut und Blüte geschmückt. In seiner Hand hält er eine blassrosa Rose, Sinnbild  für Hoffnung und Erwartung eines Stelldicheins. Er verharrt nicht einfach wartend, sondern in gespannter Vorwärtsneigung, wie in einem Moment kurz vor einem Höhepunkt. Die Natur wird zur Zeugin seiner inneren Spannung.

Die junge Frau hat ihn noch nicht bemerkt. Sie trägt ein blassrotes Kopftuch, ein graues Kleid und eine anthrazitfarbene Schürze, die vom Wind leicht aufgewirbelt wird. Ihr Blick ist gesenkt, sie konzentriert sich auf einen Gegenstand in ihren Händen. Für die Betrachter:innen des 21. Jahrhunderts entsteht daraus fast unweigerlich eine Fehlinterpretation. Wir „sehen“ ein Smartphone. Dass dies historisch unmöglich ist, macht die Wirkung nur aufschlussreicher. Unser Gehirn greift auf vertraute Muster zurück und liest, wofür es kulturell konditioniert ist, ein Phänomen, dem Ernst Gombrich ausführlich nachspürte. Bilder liefern mehr, meinte er, als nur Sichtbares, sie sind auch Spiegel unserer Mentalität und unseres Wissens. Und weil uns dieser Grundsatz geläufig ist, neigen wir dazu, das Bild nicht ganz ernst zu nehmen, vielleicht als Scherz, als digitale Manipulation oder halluzinatorische KI zu lesen. Doch das Bild existiert greifbar und real, es wurde in sorgsamen Öllasuren auf Holz gemalt. Seit seiner Erwerbung 1925 vor genau hundert Jahren hängt es in der Neuen Pinakothek in München. 

Auffällig ist seine vertikale Anlage. Der junge Mann befindet sich unten rechts, am Bildrand und halb im Schatten, während die Frau oben im Licht steht, in der Bildmitte, die Landschaft weit hinter sich geöffnet. Diese Staffelung macht die Szene weniger zu einer romantischen Anekdote als zu einer Versuchsanordnung über Distanz, Erwartung und Verfehlung. Das Bild zeigt nicht den Augenblick der Begegnung, sondern die fragile Sekunde davor, in der sich entscheidet, ob Nähe entsteht oder zwei Lebenswege aneinander vorbeigehen.

Wer das Werk heute betrachtet, kann vermutlich nicht anders, als digitale Parallelen zu erkennen und medienkritische Schlüsse daraus zu ziehen. Die junge Frau wirkt gebannt von dem Gerät, das wir in ihren Händen zu erkennen meinen, Inbegriff allzeitbereiter Digitalität. Das Smartphone öffnet die Welt, verengt aber auch die Perspektive. In diesem schmalen Korridor übersehen wir die Zuwendung anderer, verlieren den Blick für die Mitwelt und erkennen nicht einmal die Liebe, die auf uns wartet. 

Vielleicht liegt die eigentliche Vorwegnahme des Gemäldes jedoch nicht in der Vorausschau auf technische Geräte, sondern in der Darstellung einer anthropologischen Konstante, der menschlichen Fähigkeit, sich in etwas zu verlieren, sei es in eine Blume, in einen Gedanken oder in einen handlichen Computer, und dabei die Welt herum zu übersehen. Waldmüller malt nicht nur Landschaft, nicht nur Liebe. Er malt den Grat zwischen Sehnsucht und Blindheit, zwischen dem, was wir geben, und dem, was uns entgeht. Das Bild wirkt wie eine Warnung, nicht vor der Zukunft, sondern vor uns selbst.

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Abbildung: Ferdinand Georg Waldmüller: »Die Erwartete«, 1850 oder 1860, Öl auf Nadelholz, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek, München.

Mehr Texte von Thomas D. Trummer

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1 Posting in diesem Forum
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projektraum@sil.at | 10.12.2025 10:07 | antworten
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