Die Schönheit im Auge des Betrachters
Kunst und the male gaze
Kunst wird immer vom Blick der Betrachtenden bedingt. Meine Kritik hängt selbstverständlich von meiner Betrachtung ab: von meinen Erfahrungen mit Kunst, Körperlichkeit, Ästhetik - aber die kritisierte Kunst hängt natürlich auch stark vom Blick der Person ab, die sie geschaffen hat. Heutzutage beschäftigen wir uns sehr viel mit den Blicken der Betrachtenden. Fühlt sich jemand von Kunst getriggert? Finden wir das Werk schön, abstoßend oder im schlimmsten Falle bedeutungslos? Wie deuten wir die Kunst?
Aber wie ist der Blick der Kunstschaffenden auf die Welt?
Das gängige und naheliegendste Beispiel ist weibliche Nacktheit. Es ist schwierig, Darstellungen zu finden, die weder sexualisiert noch verhässlicht sind, sondern den Körper in einer realistischen Art und Weise abbilden - sofern das überhaupt möglich ist, da unsere ständiges Aufladen jeder Kleinigkeit mit (Be)Deutung irgendwie ausschließt, dass wir Künstlern so etwas überhaupt zutrauen. Blicke ich auf den Blick der Männer, werfe ich ihnen immer erstmal vor, den falschen Blick geworfen zu haben. Einen mit Hintergedanken und Ressentiments. Und das ist auch nicht ganz falsch. Aber auch nicht ganz richtig.
Die Olympia von Manet zum beispielsweise schaut Betrachtern und ihrer eigenen Nacktheit ins Auge. Manet tut das auch, in dem er den Betrachter in die Position eines Freiers stellt, der Olympia Blumen kauft. Ist Manets male gaze nun besser, weil er sich damit auseinandersetzt?
Fühlen Männer sich anders, bloßgestellt, wenn sie Olympias Nacktheit sehen, und gibt es überhaupt noch Scham für den Blick auf weibliche Nacktheit?
Wenn die betont hässliche Darstellung einer Vulva hochpathetisch “Der Ursprung der Welt” heißt, darf sie plötzlich in ihrer Misogynie bestehen und wird auch noch weltweit vom Feminismus auf Sticker und Logos gepappt. Ist Courbets male gaze besser, weil er im Titel einen liebevollen Blick vorgaukelt?
Wie so oft fehlt uns glaube ich eine gewisse Nonchalance - sowohl dem male gaze als auch wie wir mit ihm umgehen. Etwas so Subjektives wie Kunst wird nie frei von Idiosynkrasien sein. Auf der Straße, im Job, im alltäglichen Leben versuche ich mich so weit es geht vom male gaze und allem, was er bedeutet, abzukapseln - und versuche, eigene Ideen von Schönheit, Körperlichkeit, Ästhetik unabhängig von patriarchalen Strukturen zu haben. Man kann dem männlichen Blick nicht entfliehen, aber ich versuche ihn zumindest nicht alleine gelten zu lassen. In der Kunst kann man ihn zumindest studieren, meist zurecht kritisieren und mit trotzigen Augen zurückstarren. Irgendwie ist es tröstlich, eine halbwegs durch Observanz geregelte Spielwiese zu haben, um sich mit dem männlichen Blick und seinen Konnotationen auseinanderzusetzen. Schau nur, ich schaue aber zurück. Dann bin ich zwar meist irritiert und empört, aber zumindest kann ich dann einen Blog schreiben.
Mehr Texte von Veronika Metzger
Teilen


