Max Klinger
Das Hochformat zeigt eine Landschaft. Rechts zieht sich ein Ufer entlang, ein Teich oder der flache Arm eines Flusses. Büsche säumen den Rand, darüber steigen karge, unbewaldete Anhöhen an. Die Szenerie erinnert an Griechenland oder einen mediterranen Landstrich, weniger durch ihre Topografie als durch die Figuren, die sich am Ufer versammelt haben. Es sind Kentauren auf der Jagd.
Im Vordergrund holt ein junger Kentaur mit erhobenem Arm aus, um eine Schlange zu erschlagen. Dahinter eine Kentaurin mit langem Haar und ein Gefährte mit dunklem Pferdeleib, der heftig gestikuliert und in Richtung des Wassers weist. Noch weiter hinten stürmen drei andere heran, die Speere erhoben, im vollen Galopp. Doch das eigentliche Geschehen liegt weder in der Aufregung noch der Bewegung, sondern in dem, was sich links im Bild vollzieht: Ein Bergsturz. Gesteinsmassen haben sich aus dem Hang gelöst, Brocken sind in die Tiefe gestürzt, das Wasser wurde verdrängt, ein Abgrund eröffnet sich, ein Riss zieht sich durch den Boden. Auch weiter oben neigt sich ein Felsen nach vorn, als stünde er kurz vor dem Sturz.
Max Klinger, der Jugendstilkünstler, der die Vorlage für dieses Blatt 1881 zeichnete und von Erderwärmung und Anthropozän noch nichts ahnte, verknüpft hier eine antike Szene mit einer geologischen Erschütterung. Der mythologische Moment – die Jagd der Kentauren – verschränkt sich mit einem Prozess, der älter und unbezähmbarer ist als jeder Mythos. Es ist, als spräche die Erde selbst. Das Blatt lässt sich als frühes Gleichnis einer Welt lesen, die ihren Dualismus verliert: den Glauben an die Trennung von Mensch und Natur, an eine Ordnung, in der Geist und Materie sich gegenseitig ausschließen.
Die Kentauren sind die Schwellenwesen dieses Gedankens. Sie stehen an jener Grenze, die die Moderne zu befestigen suchte. Halb Mensch, halb Tier, erinnern sie an eine Durchlässigkeit, die das aufgeklärte Denken verdrängt hat. In ihren Körpern ist verwachsen, was getrennt wurde: Instinkt und Vernunft, Wildheit und Bewusstsein, Huf und Hand. Sie jagen, doch ihre Jagd wird bedeutungslos, der Boden unter ihnen bricht auf, die Landschaft selbst gerät in Bewegung. Die Katastrophe liegt nicht außerhalb, sie geschieht in der Welt, die sie bewohnen.
Mit Bruno Latour gelesen, wird Klingers Blatt dennoch zu einer frühen Ahnung des Anthropozäns. Der Bergsturz ist kein Hintergrund, keine Kulisse, sondern Handlung. Die Erde reagiert, sie wird Akteurin in einem Geflecht von Kräften, das nicht mehr nach Subjekt und Objekt, Kultur und Natur unterschieden werden kann. Der Fels stürzt, das Terrain kippt, die Ordnung löst sich auf. In diesem Moment, da das Feste zu sprechen beginnt, verlieren auch die Kentauren ihre mythische Distanz: sie werden zu Stellvertretern des Menschen, zu Sinnbildern einer Existenz, die sich nicht mehr von der Welt ablösen kann, der sie entstammt.
So verwandelt sich die antike Idylle in ein apokalyptisches Gleichnis. Die Erde antwortet, und ihre Antwort ist keine Sprache, sondern Bewegung. Der Einsturz ist nicht bloß Zerstörung, sondern Offenbarung: der Moment, in dem das, was wir Natur nennen, sich als Gegenüber zeigt. Der Riss im Boden ist der Riss im Denken. Klinger zeigt den Augenblick, in dem die Erde zu sprechen beginnt, mit der Stimme des Steins, mit der Sprache des Sturzes.
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Abbildung: Max Klinger: Blatt 6 aus »Intermezzi«, Opus IV, Radierung auf Japanpapier und auf Bütten kaschiert, Ersterscheinung 1881, ca. 39,5 × 27,5 cm
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