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„Halt“ – hieß es bei der 49. Duisburger Filmwoche

Nach dem Filmfestival ist vor dem Filmfestival [1]. Nach glücklich beendeter Viennale konnte sich der Blick – nach kurzem Augenrollen und erholsamen Ins-Leere-Schauen – auf die etwas entspannter ablaufende 49. Duisburger Filmwoche (3. bis 9. November) wenden. Während bei der Viennale die Kategorie (und tendentielle Orientierungshilfe) Dokumentarfilm durch Eva Sangiorgi 2018 eliminiert wurde, bleibt die Duisburger Filmwoche ihrem Gründungsmotto von 1978 – ein Festival und Diskussionsforum für Dokumentarfilm zu sein – treu. Vielmehr sieht man sich verpflichtet, das Genre in all seinen Facetten auszuloten – Qualität muss geliefert werden! Die stand heuer unter dem Motto: „Halt“ – was gibt Halt, wovor muss man Halt machen, wo werden Grenzen gesetzt durch ein Stopp / Halt, oder ist Einhalt / Innehalten angesagt, bevor man ins Wanken kommt – wie es der Festival-Trailer vorführt.

Ursprünglich nur auf die BRD begrenzt, öffnete sich das Festival ab der Wende auch für Beiträge aus Österreich und der Schweiz. Seither sind zahlreiche Projektionen von namhaften heimischen Filmemacher:innen über die Leinwände der Filmwoche gelaufen. Auch heuer waren fünf österreichische (Co-)Produktionen unter den 22 gezeigten Filmen, die aus den ca. 600 Einreichungen ausgewählt wurden. Für Max Koller spannende Momente, denn sein Film DER TAG VOR DEM ABEND hatte in Duisburg nicht nur seine Uraufführung, sondern war für ihn auch die erste Sichtung des Films auf großer Leinwand – zuletzt wurde sein 61-Minüter über seine Großmutter mit dem „Carte blanche“ Nachwuchspreis des Landes NRW (5.000 Euro) dotiert.

Nach Preisen auf Festivals (Sarajewo und Bolzano) bzw. Teilnahme im Berlinale 2025 – Forum und bei der Diagonale wird UNSERE ZEIT WIRD KOMMEN von Ivette Löcker Ende November in die heimischen Kinos kommen. Im Film geht es um den Zusammen-Halt in der Beziehung zwischen dem aus Gambia stammenden Siaka und der Österreicherin Victoria gegen Vorurteile. Ein sehr sanftes, scheinbar geschmeidiges Halt-Signal liegt in dem bekannten Satz „I would prefer not to / Ich würde lieber nicht“ aus Herman Melvilles Feder, der im Film B - WIE BARTLEBY von Angela Summereder als Ausgangspunkt genommen wird für eine sehr persönliche Sprach-Text- Bild-Erkundung. Der Film wurde in der Personale Summereders während der Viennale schon vorgestellt und kommt Anfang 2026 in die österreichischen Kinos. Festivalerprobt (8!) ist auch der Film PERSONALE von Carmen Trocker, eine italienisch/österreichische Produktion, die bereits bei dem IDFA (International Documentary Filmfestival Amsterdam) 2024 in Amsterdam startete. Der Film erzählt vom (migrantischen) Housekeepingteam eines Südtiroler Hotels, das ansonsten lautlos und unsichtbar für die Gäste ist / sein sollte. KNIFE IN THE HEART (AT/DE), ein harter Film-Titel, die Titulierung eines amerikanischen Diplomaten für die russische Enklave Kaliningrad (ehem. Königsberg). Regisseur Artem Terent’ev will seinem Großvater dort nachspüren, in Interieurs und auf Spuren in unwegsamem Gebiet zur Datscha...

Nach drei anderen Festivalpreisen (u.a. Berlinale) konnte Philipp Döring nun auch den 3SAT-Dokumentarfilmpreis für PALLIATIVSTATION in Duisburg entgegennehmen. Volle vier Stunden (245 min! Döring: Für einen Film würde das gerade noch gehen bzw. es sagte niemand, dass es zu lang ist) gewährt der Filmer Einblick in eine Spitals-Institution, in der Menschen Halt gegeben wird, vielleicht ein letzter Halt, bevor sie das Leben loslassen. Die weiteren Preise gingen an HOLLER FOR SERVICE (Regie: Kathrin Seward, Ole Elfenkämper) Es geht um Kelly, die Lagerhauschefin in USA (absolut gerechtfertigt) und ELLBOWS IN SHATTERS (Regie: Danila Lipatov), wie auch an ICH HÄTTE LIEBER EINEN ANDEREN FILM GEMACHT (Regie: Suse Itzel).

Heinz Emigholz befriedigt Schaulust an zwei Architekturspezialitäten in Turin in seiner 28-minütigen „Doku“ ECCE MOLE. Wie dicht eine Erzählung in 31 Minuten sein kann, bringt Jakob Krese in dem Streifen PREKID VATRE (Ceasefire / Waffenruhe) auf die Leinwand: Die drahtige Bosnierin Hazira ist treibende Kraft des Geschehens im Film und seit 29 Jahren in der zugewiesenen Flüchtlingssiedlung. Permanentes Etwas-Machen-Müssen (zumindest Rauchen) ist Teil ihres Kriegs-Traumas. Persönlicher Favorit (auch von anderen, da mit Preisen bedankt): SILENT OBSERVERS von Eliza Petkova. Es ist der dritte Film der Regisseurin, der innerhalb von 13 Jahren in dem bulgarischen Bergdorf Pirin gedreht wurde und diesmal stehen die Tiere im Mittelpunkt: Close Ups ihrer wachsamen Augen und Ohren, ihrer Nüstern, ebenso Bildzeit für ihre Funktion als Arbeitstier oder Nahrungsmittellieferant, als wendiger Hund, als Hauskatze, die gleich zu Beginn über einen aufgebahrten Toten springt und damit diverse abergläubische Vorstellungen der alten Dorfleute hochtreibt... Ganz andere Gedanken werden angesichts des Filmes LE LAC von Fabrice Aragno aufgepeitscht: die Grundsatzfrage schlechthin, nämlich, was ist ein Dokumentarfilm?! Darf eine Schauspielerin (Clotilde Courau) mit einem Skipper so tun – als ob es um eine harte Segeltour geht, durch Wind und Wetter, sternenklare Nacht und Vertrautheit, Hindernis und Dahingleiten. Sind Windknattern im Segel, Wellenpeitschen und Sternenhimmel schon genug Realität für eine Doku? Wie zulässig / verpönt sind Inszenierung, Spannung, Emotion, Berührt-Werden von... dem Bild, der Situation, der Fiktion... etc., etc.

Wie gesagt, Duisburg zeichnet sich auch und vor allem als Diskussionsforum für Dokumentarfilm aus. Daher ist das Angebot einerseits breit aufgestellt was Inhalt, Filmformat, Experiment, Geschichte, Archiv, Gegenwart, (Auto-)Biografie usw. anbelangt, anderseits wird dem Austausch, der Reflexion, der Diskussion nach jedem Film ausgiebig Raum gewährt, diese Gespräche werden protokolliert und zum Nachlesen online zur Verfügung gestellt. Das hat Seltenheitswert! Auch die Möglichkeit, die meisten der Filme als Video on Demand zu sehen, ist ein erwähnenswert spezielles Angebot. Es gibt keine Parallelprojektionen, somit kann das Rahmenprogramm ohne Filmverlust konsumiert werden. Die Gesprächs-Themen dieses Jahres waren: NACHHALL. Musik im Dokumentarfilm gestern und heute. ZUSAMMENHALTEN STATT STILLHALTEN. Über ein Unbehagen im Kulturbetrieb (Wir müssen über Geld reden). Zuletzt auch eine VERLAUFSKRITIK, wobei sich die Festivalleitung Feedback einholen wollte. Preisverleihung. Ende.

Aber: Nach dem Festival ist vor dem Festival! Vom 13. bis 23. November findet in Amsterdam die 38. Ausgabe des IDFA mit knapp 250 Filmen aus 76 Ländern (und rund 300.000 Gästen) statt. Zoom oder Weitwinkel.

⤇ Festival — Duisburger Filmwoche (3. – 9. November 2025)

⤇ Protokolle — Protokult. Die Protokolle der Duisburger Filmwoche

[1] Die European Coordination of Film Festivals (ECFF), die Interessenvertretung europäischer Filmfestivals mit Sitz in Brüssel, geht von bis zu 800 Filmfestivals in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union aus. Der Anstieg war besonders ab den 1990er Jahren mit dem Aufkommen neuer digitaler Technologien zu beobachten... ⤇ de.wikipedia.org/wiki/Filmfestival

Mehr Texte von Aurelia Jurtschitsch

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