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Orange Busse und trojanische Schildkröten

Wenn Nick Oberthaler aus dem Fenster seines Ateliers in Brüssel blickt, sieht er den Innenhof eines ehemaligen Hospizes. Heute ist der Ort ein lebendiges Kulturzentrum.
Eine abstrahierte und ebenso lebendige Version dieses Fensters bildet in der Galerie Emanuel Layer den Einstieg in die Einzelausstellung des österreichischen Künstlers.
Mit Bruxelles schuf Nick Oberthaler ein farbliches Portrait einer Stadt, die schon immer in Bewegung war. Als politisches Zentrum der EU und einstiger Machtapparat der belgischen Kolonialherrschaft ist Brüssel geprägt von einer Vielzahl an Kulturen, Perspektiven und Sprachen. Für die Ausstellung hat Oberthaler seine eigene Sprache gefunden, um diese Bewegtheit auszudrücken und zeigt uns die Stadt durch die flüchtigen Momente des Alltags, die ihm begegnen. Ausgangspunkt dafür bildet das Brüsseler Transportsystem. Nach einem Rebranding sind die Busse und Bahnen der belgischen Hauptstadt in Silber, durchzogen von einem horizontalen Streifen Orange. Die farbigen Flächen der Fahrzeuge reflektieren in Vorbeifahren für einen kurzen Moment die Umgebung – eine Eigenschaft, die der Künstler in seine Bilder übertragen hat.  

Bruxelles zeigt die Stadt in Fragmenten und Abstraktionen aus Silber und Orange.
Oberthalers oft geometrische Kompositionen erinnern an Stadtpläne und topografische Karten. Und tatsächlich bildet das lokale Transportsystem eine Art infrastrukturelles Rückgrat, das die 19 eigenständig verwalteten Gemeinden Brüssels miteinander verbindet. Das Transportsystem verweist jedoch auch auf tiefere historische Zusammenhänge. Bevor ab Mitte des 20. Jahrhunderts synthetischer Kautschuk in großen Mengen verfügbar war, war Europa für die Produktion von Transportmittel wie Autoreifen, Gummiboote oder Zeppeline auf den Milchsaft afrikanischer Pflanzen angewiesen. Während des „Kautschuk-Booms“ im späten 19. Jahrhundert, wurde Belgiens Kolonialregime unter König Leopold II. für seine besonders grausamen Gewaltexzesse im Kongo bekannt. Brüssel diente dabei als administrative und wirtschaftliche Schaltstelle.
Nick Oberthaler redet gerne über den Ist-Zustand seiner Wahlheimat und man hört ihm ebenso gerne dabei zu. Auch in seinen Bildern gelingt es ihm durch seinen abstrakten und dabei un-aneignenden Ansatz, die Vielschichtigkeit der Stadt anzusprechen. Für Bruxelles ist die Farbe Orange zum zentralen Bedeutungsträger geworden: Sie steht für Lebendigkeit und Bewegung, ohne ihre Qualität als Signalfarbe zu verlieren.

Geisterhafte Präsenzen

Nur ein paar Tramhaltestellen weiter eröffnete, ebenfalls am 6. November, Raphaela Vogels Einzelausstellung Stop! (The Infinite Regress) in der Galerie Meyer*Kainer.
Ihre Skulpturen sind filigrane Monumente. Inspiriert vom Tierreich und den kulturellen Erzählungen, die es prägen, bevölkern Elefanten, Pferde und Schildkröten den Ausstellungsraum. Die Künstlerin hat sie in komplexe Konstellationen aus Bronze verschmolzen.

Ein verspielter, fantastischer und vielleicht sogar befremdlicher Charakter zieht sich durch die verwinkelte Galerie. Die geschwungenen Gestalten besitzen eine geisterhafte Präsenz, die über die eines bloßen Objektes weit hinausgeht. Man befindet sich in einem Reich, das allein Vogels Bronze-Körpern gehört, die Zeit scheint hier stillzustehen. Die fließenden Linien, aus denen die Figuren entstehen, vermitteln den Eindruck, als würden sich die Tiere gerade in Rauch auflösen – Ein Moment, in dem Raphaela Vogel auf Pause gedrückt hat.
Und genau darum geht es in der Ausstellung. Infinite Regress (also die „unendliche Rückführung“) beschreibt ein philosophisches Dilemma, bei dem jede Antwort neue Fragen aufwirft. Was steht am Ursprung? Mythologien aus aller Welt liefern auf diese Frage unter anderen die Erzählung einer Schildkröte, auf deren Rücken das Universum ruht. Doch worauf steht diese Schildkröte – auf einer weiteren Schildkröte?
Das Sprichwort „It is turtles all the way down“ versinnbildlicht dieses Prinzip. In der Ausstellung versucht die Künstlerin diese Endlosschleife Hinterfragens zu unterbrechen. Ein fast zwei Meter hohes, sich aufbäumendes Pferd am Eingang der Galerie symbolisiert diesen Stopp. es verweigert eine Fortsetzung. Vogels organische Strukturen werfen die Besucher:innen dabei in ein kosmisches Spannungsfeld zwischen unendlicher Bewegung und plötzlichem Stillstand.
Eine Frage, um die man jedoch nicht herumkommt, ist, ob es sich bei Stop! (The Infinite Regress) um eine Art trojanische Schildkröte handelt. Wenn die Künstlerin in der Ausstellung den Drang des Hinterfragens selbst hinterfragt, wird sie dann nicht zu einem weiteren Glied in der endlosen Kette – zu einer weiteren Schildkröte?
Die Arbeiten von Raphaela Vogel und Nick Oberthaler könnten visuell sowie thematisch kaum unterschiedlicher sein, und doch teilen sie eine gemeinsame Basis: Beide schöpfen aus der Momenthaftigkeit - während Oberthaler Bedeutung im Flüchtigen findet, sucht Vogel den bewussten Stillstand.

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⤇ Nick Oberthaler - Bruxelles
Layr
07.11. - 20.12.25

⤇ Raphaela Vogel - Stop! (The Infinite Regress)
Galerie Meyer*Kainer
07.11.25 - 10.01.26

Mehr Texte von Veronika Beck

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