ULAY: „Mein Abschied als einzige Person“
Eine Karte mit dem Aufdruck – „Mein Abschied als einzige Person“ - und der Jahreszahl 1974 sowie seinem Geburtsdatum verschickte der Performancekünstler und Fotograf Ulay an seine Freunde in Amsterdam. 1975 ein Jahr später sollte er Marina Abramović im „De Appel“ in Amsterdam begegnen und dieses Treffen sollte für Ihn lebensverändernd werden. Zwölf Jahre blieben Sie ein künstlerisches und erotisches Paar. Am Ende ihrer Beziehung 1988 ritzte er die im Titel oben genannten Worte in seinen Körper.
Kurt Klader und Felicitas Thun-Hohenstein gestalteten in der Galerie Charim eine Personale zu dem Ausnahmekünstler, der oftmals im Schatten des Superstars Abramović stand. Völlig zu unrecht, wie man an dieser Ausstellung erkennt. Ulay besaß ein umfangreiches Archiv, das Kurt Klader in Ljubljana besuchte. Felicitas Thun-Hohenstein und Alenka Gregorič konzipierten weiters eine Ausstellung im Museum Cukrarana in Ljubjana zur gemeinsamen Zeit von Abramović und Ulay.
Nicht zuletzt läuft aktuell die große Museumsschau von Marina Abramović, die das Kunstforum noch plante und die nun in der Albertina Modern in Wien zu sehen ist.
Ulay, der als Frank Uwe Laysiepen im deutschen Solingen 1943 in einem Bunker geboren wurde und den Nationalsozialismus noch als Kind atmosphärisch erlebte, studierte Maschinenbau und wurde Fotograf. Ende der 60er-Jahre verließ er Frau, Kind und die Bundesrepublik um u.a. seiner Einberufung zum Wehrdienst zu entgehen. Nach einigem Herumziehen ließ er sich in Amsterdam nieder und experimentierte mit der Polaroidkamera. An sich selber stellte er die Frage nach geschlechtlicher Zuordnung und ihrer existentiellen Relevanz. Die zum Teil zerschnittenen und neu zusammengesetzten Fotografien von Gesichtern und Körpern sind in der Galerie Charim zu sehen.
Es geht Ulay schon sehr früh um die Hinterfragung geschlechtlicher Normen, die gegenwärtig unseren künstlerischen und gesellschaftlichen Diskurs bestimmt. So fotografiert er sich selbst zur Hälfte als Frau, die andere Körperhälfte kostümierte er als Mann. Die Schminke unterstreicht seine Verwandlung. Er bewegt sich unter Transvestiten und Obdachlosen, stellt sich bewusst an die Ränder der Gesellschaft und verlässt damit das intellektuelle spießige und rigide Nachkriegsdeutschland.
Performances, Happenings, Hausbesetzungen, die Fragen „was ist Bodyart?“, „was ist Performance?“ beschäftigen ihn und die Freunde in Amsterdam. Mit Marina Abramović stahl Ulay 1976 das Carl Spitzweg-Bild, „Der arme Poet“ aus der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Die Kamera von gemeinsamen Freunden dokumentierte diesen Raub. Ulay brachte das Bild zu einer Migrantenfamilie in Kreuzberg und setzte es in einen neuen Kontext. Spitzwegs Bild war eines der Lieblingsbilder von Adolf Hitler gewesen.
Auch das künstleriche Wirken von Ulay nach seiner gemeinsamen Zeit mit Marina Abramović kommt in der Galerie zur Geltung. Ulay, der 2011 an Krebs erkrankte und mit dieser Krankheit sehr offen umging, schuf großformatige Fotografien von Totenschädeln, die sehr eindrücklich ein Memento Mori in der Galerie hervorrufen. In einer Serie von Drucken, vollzog er Performances mit Abramović nach, indem er die von ihren Körpern nicht berührten Flächen weiß hielt während er die berührten Stellen in Rosa druckte.
In der berühmten Performance von Abramović „The Artist is present“ von 2010 im MoMA setzte sich Ulay der Künstlerin gegenüber. Abramović saß dort stundenlang auf einem Sessel vor einem Tisch und jeder konnte sich wortlos ihr gegenübersetzen. Sie rechnete nicht mit der Anwesenheit von Ulay und begann zu weinen.
2015 verklagte Ulay Abramović wegen Urheberrechtsfragen. Er bekam Recht und Geld. 2017 erfolgte die Versöhnung der beiden. 2020 verstarb Ulay 76-jährig in der slowenischen Hautstadt Ljubljana
Nähert man sich dem Künstler Ulay, so darf man nicht vergessen, dass seine Kunst eine antikapitalistische Dimension hatte, die Pathos verabscheute. Er ging also einen ganz anderen Weg als Abramović, die sich in ihren Performances immer mehr dem Erratischen, Atmosphärischen und Spektakulären hingab. Ulays Arbeiten haftet noch viel mehr ein ephemererer Charakter an.
Nicht zuletzt sei auf den Film „Project Cancer“ von 2013 verwiesen, wo Ulay nochmals alle seine Freunde weltweit besucht und künstlerische Stationen revue passieren lässt. Es ist ein poetischer Film eines künstlerischen Vagabunden und Nomaden, der ein treffendes Porträt seiner Person zeigt.
Schön, dass wir nun in Wien die Möglichkeit haben beiden Künstlerpersönlichkeiten – wenn auch getrennt - zu begegnen.
15.10. - 19.12.2025
Charim Galerie
1010 Wien, Dorotheergasse 12
Tel: +43 1 512 09 15, Fax: +43 1 512 09 15 50
Email: info@charimgalerie.at
http://www.charimgalerie.at
Öffnungszeiten: Di-Fr: 11-18h
Sa: 11-14h
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