Huda Takriti erhält den Kardinal-König-Kunstpreis
Die Künstlerin Huda Takriti wird für ihr Werk On Another Note (2024) mit dem elften Kardinal-König-Kunstpreis ausgezeichnet. Der Preis wird alle zwei Jahre an Künstler:innen verliehen, deren Werke die gesellschaftlichen und kulturellen Debatten mit neuen Perspektiven bereichern und prägen. Er ist mit 11.000,- Euro dotiert.
Mit Medien wie Video, Film, Installation und Fotografie untersucht Huda Takriti, welchen Einfluss konkrete persönliche Erfahrungen auf historische und politische Narrative haben können. Sie erforscht Lücken im sozialen Gedächtnis, indem sie individuelle und nationale Erzählungen miteinander verknüpft. Angesichts der allgegenwärtigen Informations- und Bilderflut, die unser Leben und unseren Alltag prägt, hinterfragt Takriti die Grenzen zwischen offizieller Geschichtsschreibung und marginalisierten Geschichten sowie deren Bilder und Narrative. Dabei greift sie auf die Ideen des Kulturtheoretikers Edward Said zurück, der die Bedeutung von Gegenarchiven als Kontrast zu staatlichen Erzählungen betonte – insbesondere jenen von kolonialisierenden Staaten.
Huda Takriti (* 1990 in Damaskus, Syrien) lebt und arbeitet als Künstlerin und Wissenschaftlerin in Wien. Sie studierte an der Fakultät für bildende Künste in Damaskus und am TransArts-Department der Universität für angewandte Kunst Wien. Derzeit arbeitet sie an einem PhD in Practice an der Akademie der bildenden Künste Wien. Ihre Werke wurden unter anderem in folgenden Institutionen gezeigt: Kunstraum Lakeside, Klagenfurt (2024), Galerie Crone, Wien (2023), Kunsthalle Wien (2020), Afro-Asiatisches Institut Graz (2017), mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (2022). Takriti erhielt das Vordemberge-Gildewart-Stipendium (2022), den Kunsthalle-Wien-Preis (2020) und ein Stipendium der Camargo Foundation (2023). www.hudatakriti.com/
In ihrer Videoinstallation On Another Note (2024) greift Huda Takriti auf das künstlerische Erbe ihrer Großmutter Hikmat Al-Habbal zurück, die in den 1960er-Jahren als Lehrerin und Textilkünstlerin in Kuwait lebte. So veranschaulicht sie, wie Geschichten über Generationen hinweg weitergegeben werden und sich weiterentwickeln. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die Hände von Takritis Mutter, die Fotos durchblättert und Textilarbeiten entfaltet – einige davon waren von der Großmutter bewusst unvollendet gelassen worden, damit die nachfolgenden Generationen sie nach ihrem Tod weiterführen konnten. Takriti nutzt diese Fotos und Textilien als Ausgangspunkt, um eine neue „potenzielle Geschichte“ zu erzählen – mit diesem Begriff beschreibt die Kulturtheoretikerin und Kuratorin Ariella Aïsha Azoulay die Offenheit der Geschichte.
Begründung der Jury
Huda Takritis künstlerische Arbeit setzt sich mit der Gewalt der Auslöschung auseinander und eröffnet zugleich Möglichkeiten einer künstlerischen Historiografie. Wir erachten ihre künstlerische Praxis als von besonderer Dringlichkeit im heutigen Österreich. Sie trägt zu einem reflektierten und notwendigen Verständnis von Geografien und Geschichten bei, die im europäischen öffentlichen Diskurs allzu oft fehlen oder verzerrt erscheinen.
Durch das Mittel des Erzählens entwickelt sie Video-Essays, Collagen und Installationen, in denen persönliche Geschichte mit unserer kollektiven Gegenwart in Resonanz tritt – geprägt von Migration, Vertreibung und der Prekarität von Zugehörigkeit.
Das eingereichte Werk, die Video-Installation On Another Note (2024), verdeutlicht diesen Ansatz in besonderer Weise. Aufbauend auf Gesprächen mit ihrer Mutter Souheir Takriti und dem künstlerischen Erbe ihrer Großmutter Hikmat Al-Habbal konstruiert Takriti eine intime und zugleich kritische Erzählung, die die intergenerationelle Weitergabe von Erinnerung in Kontexten von Staatenlosigkeit und Exil sichtbar macht. Mit Bildern, Stimmen und Textilien konfrontiert sie die Lücken und das Schweigen, die durch erzwungene Vertreibung entstehen.
Takritis künstlerische Sprache ist weder anklagend noch erklärend, sondern zutiefst relational. Sie lädt uns ein, zu bezeugen, zu erinnern und uns in eine größere Geschichte von Enteignung und Resilienz einzuschreiben. Aus diesen Gründen ist die Jury überzeugt, dass Huda Takritis Praxis es verdient, mit diesem Preis gewürdigt und gefeiert zu werden. (Mirela Baciak, MA, Direktorin Salzburger Kunstverein im Namen der Jury 2025)
Eine Ausstellung mit allen nominierten Künstler:innen (Robert Gabris, Veera Komulainen, David Meran, Olena Newkryta, Stephanie Stern, Miriam Stoney, Laurence Sturla, Huda Takriti, Sophie Thun, Christoph Voglbauer) wird vom 28. November 2025 bis 15. März 2026 im Kunstraum St. Virgil, Salzburg gezeigt.
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Abbildung: Huda Takriti © Beniamin Urbanek
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