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Stummfilm statt Stummschweigen

Holofiction” von Michal Kosakowski

      “Fiction is a transgression and it is my deepest conviction 
      that any representation [of the Holocaust] is forbidden.

      —Claude Lanzmann (1925–2018)

Dieses Zitat steht steht als Prämisse vor Michal Kosakowskis essayistischem Film “Holofiction”. Kosakowski bricht, hinterfragt, bestätigt und verneint es. “Holofiction” besteht aus Szenen über 400 verschiedener Filme, die sich alle mit dem Holocaust beschäftigen. Es finden sich Klassiker wie “Schindlers Liste” und “Das Leben ist schön”, aber auch unbekanntere Filme. Kosakowskis Arbeit liegt dabei im Sichten, Zusammenstellen, Zusammenschneiden und visuellem Storytelling. Dabei nimmt er ein Motiv, wie zum Beispiel ein Grammophon, und zeigt mehrere Szenen unterschiedlicher Filme, in denen ein Grammophon zu sehen ist.

Bis zu sechs Sekunden lang sind die Filmausschnitte, da greift das Copyright noch nicht. Zufällig passt das aber auch sehr gut zur von TikTok und Co. verkürzten Aufmerksamkeitsspanne. Der gnadenlose Takt von Kosakowskis minutiöser Schnittarbeit ist aber auch anstrengend, das Thema natürlich auch nicht so einfach. Es ist lohnenswert, vorm zweiten Mal schauen eine Pause einzulegen, aber es ist auch wirklich lohnenswert den Film mehrmals zu sehen. Wer regelmäßig mit Videoschnitt zu tun hat, wird bemerken, wieviel liebevolle Präzision hinter jedem einzelnen Schnitt steckt. Besonders interessant finde ich die visuelle Übergabe von Motiv zu Motiv. Der Trichter der Grammophons wird zu einer Sirene; im Hintergrund fährt ein Fahrrad vorbei, und das Fahrrad wird zum neuen gemeinsamen Nenner.

Als Stummfilm kommt “Holofiction” vollkommen ohne Dialog aus, die ganze Erzählstruktur erfolgt visuell und über den wirklich hervorzuhebenden Soundtrack von Paolo Marzocchi. Als Grundlage nutzt er zwei Stücke. Das eine ist “Ich hab kein Heimatland” von Friedrich Schwarz. In seiner Originalform kommt das Stück nur im Abspann vor, eine wirkungsvolle Art und Weise das Publikum bis zum Ende auditiv engagiert und bei Laune zu halten. Das zweite kommt nur drei Mal kurz im Film vor. Es ist “Wiegala” von Ilse Weber. Es wurde im Konzentrationslager komponiert und ist beinahe unerträglich eindrücklich.

“Holofiction" ist ein Film über Filme. Und darüber, wie wir gelernt haben, Geschichte zu sehen. Er ist ein wuchtiger Film. Ein Spiegel, der uns unser kollektives Gedächtnis vorhält. Und das ist manchmal schwer zu ertragen. Denn Kosakowski zeigt auch, wie leicht sich Gedenken in konsumierbare Ästhetik verwandeln. Wir sollen uns erinnern, nie vergessen und nicht zweimal den gleichen Fehler machen. Faschismus hat wieder ziemlich Konjunktur, da verschlägt es einem schon mitunter die Sprache – dieser Stummfilm ist zumindest ein Versuch, nicht vollkommen still zu sein.

Mehr Texte von Veronika Metzger

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