Kunstgeschichte ist Augenarbeit
Zum 100. Geburtstag von Max Imdahl
Am 6. September 2025 wäre Max Imdahl 100 Jahre alt geworden. In einer Gegenwart, in der Kunst oft über Biografie, Herkunft oder gesellschaftliche Relevanz gelesen wird, erinnert sein Ansatz daran, worauf Kunst zuallererst beruht: auf dem Sehen selbst. Für Imdahl ist Kunstgeschichte vor allem Augenarbeit. Sie erschließt sich durch ein „sehendes Sehen“, ein phänomenologisches Vermächtnis, das er als Anschauung bezeichnete. Anders als die meisten kontextorientierten Ansätze richtet er den Blick nicht auf Dokumente, Texte oder Symbolik, sondern auf das, was das Bild unmittelbar dem Sehsinn darbietet.
Die von ihm entwickelte Methode der „Ikonik“ liest das Sichtbare in seiner inneren Logik, ohne es durch Kontext oder theoretische Zuschreibungen vorzeitig zu überformen. Sehen ist ein eigenständiger Akt, der schwer in Worte zu fassen ist, aber durch genaue Beobachtung erfahrbar wird: Linienführung, Flächenverzahnung, Raumkomposition, Figurenanordnung und Licht – all dies bildet ein Gefüge, in dem Sinn und Wirkung bereits eingeschrieben sind. Kunst vermittelt sich zuerst über ihre innere Organisation, nicht über die Geschichte ihrer Urheber:innen.
Imdahls Kritik am Erbe Panofskys wird hier besonders deutlich. Während Erwin Panofsky in Bildern nach Symbolen und historischen Inhalten sucht, interessiert Imdahl das Verhältnis der Elemente zueinander, ihre formale Dynamik. Giottos „Anbetung der Könige“ etwa entfaltet emotionale Hierarchien über Körperhaltungen, Figurenrelationen und räumliche Organisation; Perspektive, Farbe, Licht wirken als orchestrierte Struktur, die den Blick führt und Sinn erzeugt. Ähnlich bei Piero della Francesca oder Poussin: simultane Perspektiven, rhythmische Kompositionen und Farbe schaffen eine emotionale Wirkung, die sich nicht aus Texten, Kontext oder Autorenschaft erschließt, sondern im Akt des Sehens selbst.
Ein besonders spannender philosophischer Aspekt zeigt sich in Imdahls Bezug auf Sigmar Polke. In einem Vortrag aus den 1980er Jahren betonte er, dass Polkes stilistische Vielfalt die Identität des Künstlers auflöst – „Nicht-Identität als Identität“. Polke entzieht sich damit festen Kategorien, seine Werke bleiben offen, vielstimmig, resistent gegenüber vereinfachenden Zuschreibungen. Heute beobachten wir das Gegenteil: Identität wird oft über Biografie, Herkunft, Geschlecht oder politische Haltung konstruiert. Das Sichtbare selbst tritt in den Hintergrund; der Sinn wird aus der Autor:innenschaft und dem Kontext abgeleitet.
Die bleibende Aktualität von Imdahls Ikonik liegt in dieser Spannung: Kunst ist formales Gefüge, subtil geordnete Flächen, Figuren, Licht und Farbe, die Sinn erzeugen, ohne ihn vorwegzunehmen. Sehen wird zu einem Akt des Empfindsam-Werdens, einer unmittelbaren, hermeneutischen Erfahrung, die den politischen, sozialen oder historischen Kontext nicht negiert, aber ihm nicht untergeordnet ist. In einer Zeit, die zunehmend die/der Autor:in über das Werk stellt, bleibt dies Mahnung und Hommage zugleich: Die Kunst spricht zuerst durch das Sichtbare, und das Auge, das sich aufmerksam nähert, ist der Ort, an dem sie sich in ihrer vollen Gegenwart entfaltet.
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Abbildung: Nicolas Poussin, Die Geburt der Venus (Der Triumphzug des Bacchus), 1635 oder 1636, Öl auf Leinwand, 97,2 x 108 cm, Philadelphia Museum of Art
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