Einen Türsteher gibt es jedoch nicht
Der Eröffnungsabend des diesjährigen Curated By Festivals verwandelt die Schleifmühlgasse in eine inszenierte Clubnacht. Junge, stylische Menschen, drängen sich vor den Galerien, als wären es die angesagtesten Clubs der Stadt. Für diese Nacht gehört der Gehsteig der Schleifmühlgasse ganz ihnen.
In der Galeria Dawid Radziszewski beginnt der Abend und man hat das Gefühl, Gast in einer schicken Cocktailbar zu sein. Ähnlich wie das Publikum in einer solchen Bar, erscheinen die Werke sehr einheitlich, fast uniformiert. Der Raum ist geprägt von minimalistischen Formen und dezenten Farben, die sich in den Arbeiten der neun Künstler:innen wiederholen. Alles ist sehr ästhetisch, aber auch berechenbar.
Ebenfalls wie in einer solchen Bar, trifft man aber auch auf authentische Ausbrecher:innen. Phung-Tien Phans und Mickael Marmans gemeinsame Mixed-Media Installation Set 1 sticht sofort ins Auge und überzeugt durch ihren einfühlsamen Charakter. Auf dem Boden steht ein Dino-Kuscheltier, es hat eine Kopfverletzung und blickt auf eine Collage, in deren Zentrum sich ein Foto zwei weiterer Kuschel-Dinos befindet. Die unerwartet emotionale Szene regt eine Mischung aus Sehnsucht, Mitleid und sogar einem Funken Hoffnung.
Nebenan, in der Christine König Galerie nimmt der Abend langsam seinen Lauf. Die Kuratorin Kathleen Reinhardt präsentiert hier eine Einzelausstellung von Olaf Holzapfel, dessen Werk sich mit Materialität, Tradition und Handwerk beschäftigt. Die gesamte Galerie riecht nach Stroh, welches er in dreidimensionalen Bildern verarbeitet. Meine Begleitung muss bald den Raum verlassen, denn sie hat Heuschnupfen, ich bleibe noch etwas und lasse mich von einer fast meditativen Videoarbeit berieseln die verschiedene Wolkenformationen zeigt. Die Ausstellung wirkt entschleunigend, wie ein Moment der Ruhe, bevor bei Lombardi-Kargl die Nacht plötzlich in Schwung gerät.
Die Gruppenausstellung Song of Flight, kuratiert von Kathrin Bentele, beschäftigt sich mit Sprache, ihrer Darstellbarkeit und Rolle als Träger von Bedeutung. Der verwinkelte Ausstellungsraum wird dabei zu einer Echokammer für bruchstückhafte Worte und schemenhafte Klänge. Im Untergeschoss läuft Keta Gavashelis Videoarbeit Blurry Middle Distance. Verschwommene schwarz-weiß Aufnahmen zeigen eine Skyline, die unkontrolliert hin und her schwankt. Mit jeder Bewegung verformen sich die Gebäude und mit ihnen auch die eigene Wahrnehmung für den dunklen Raum, in dem man sich gerade befindet. Publikum und Wolkenkratzer geraten gemeinsam ins Schwanken. Ein rauschähnlicher Zustand breitet sich aus, welcher vermutlich auch durch den Sauerstoffmangel im Raum begünstigt wird.
Lombardi Kargls separater Ausstellungsraum, eine Tür weiter, greift diesen Eindruck einer Clubszene direkt auf. Von außen ist er mit roter Folie abgeklebt, die keinen Einblick ins Innere gewährt. Einen Türsteher gibt es jedoch nicht. Hinter der Tür eröffnet sich eine kleine, leere (Tanz-)Fläche, die in dunkles, bläuliches Licht getaucht ist. Nour Mobaraks Soundscape Subliminal Lambada besteht aus pulsierenden Melodien, unverständlichen Silben und dynamischen „Plop“-Geräuschen. Die Audioinstallation nimmt Raum und Körper voll für sich ein. Die Töne wirken beruhigend und stimulierend zugleich, sie laden ein, sich in ihrem Takt zu bewegen oder einfach still auf dem Boden zu liegen, um mit Raum und Klang zu verschmelzen.
Fragmented Subjectivity lautet das Leitthema 2025. In ihrem Essay zur diesjährigen Ausgabe des Festivals nennt Sophia Roxane Rohwetter Euphorie und Rausch als Zustände, die den Übergang von einer Entfremdung des Subjekts während der Moderne hin zur Fragmentierung des Ichs in der Postmoderne markieren. Doch die Postmoderne ist vorbei und auch Rauschzustände haben für die Gen Z nicht mehr die gleiche Anziehungskraft wie einst für Millennials. Die Ausstellungen in der Schleifmühlgasse spiegeln diese Fragmentierte Subjektivität, indem sie die Ambivalenz von urbaner Ausgehkultur hervorheben. Besonders eindrücklich sind dabei die Werke, die mit den Sinnen spielen und sie vernebeln. Mir (einem Millennial) haben diese zumindest besonders gut gefallen und Nour Mobaraks „Plop“-Geräusche hallen noch immer in meinem Gedächtnis nach.
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