The End of an Era
Der Zauber von Taylor Swift ist für viele so schwer verstehen wie für mich der von Pferden. Pferde und alles um sie herum sind für mich verstörend und ein wenig kulthaft. Wie kann man sich etwas so verpflichten, dieses Riesentier so wichtig, so sympathisch finden? (Ich, über Pferde, andere, über Taylor Swift.)
Die Antwort bleibt für beide die gleiche: man ist damit aufgewachsen.
Taylor Swift ist in ihrem Good-Girl-Image so kontrovers und liebenswert wie Pferde. Pferdemädchen waren zu meiner Schulzeit ein Zirkel, dem ich nicht beitreten hätte können, hätte ich wollen. Swifties sind es wohl jetzt. Codes, Rituale, Sprache, sogar Outfits - wo soll man da anfangen? Mein Instagram explodiert jetzt mit einer einzigen Nachricht: TS ist verlobt! Jubelswifties klatschen, Kommentare mosern (“Wen interessiert das überhaupt?”), und Hater fragen nicht ganz zu unrecht: Worüber singt sie jetzt?
Der Zauber von Taylor Swift ist Authentizität. Mit 15 hat sie den ersten Plattenvertrag abgeschlossen, doch oder deshalb gibt es es nicht wenige, die buchstäblich mit ihr großgeworden sind. Jedes gebrochene Herz, jedes Erste Mal, jede prä-, hyper- und postpubertäre Synapse hatte einen Soundtrack - und der war Taylor. Eine parasoziale Umarmung, und klar, genau diesen Heartbreak-Song hat Taylor (Wir sind natürlich per Du!) nur für mich geschrieben.
Nun ist der Soundtrack für viele vorbei. Ist nicht der Plan, dass die Ehe nun das Ende der Ära von gebrochenen Herzen ist? Von Chaos, vom Mauerblümchen-Sein, vom Fragen, Hoffen, Bangen, ob die andere Person einen schon auch mag…?
Der Zauber von Taylor Swift sind ihre Texte. In einem Drahtseilakt bleibt sie kommerziell, kontrovers und (ich sag es ja bloß) klug. Wer nur ihre Hits hört, wird sich nicht nicht daran erfreuen dürfen, wie gut ihre Texte sein können. Sie hätte eigentlich mehr zu bieten, als eine fade Projektionsfläche für Fans zu sein - aber ganz genau das hat sie jahrelang getan. Nun wird sie noch weniger Identifikationsfigur werden. Als kleine Countrysängerin aus Pennsylvania war sie wie wir, als traurige Millionärin in nur einer (aber zumindest einer) Weise verständlich; und nun ist sie glücklich, reich, schön, verlobt. Kann sie mich noch verstehen, Herz mitunter gebrochen, Konto mitunter leer, Haut mitunter unrein?
Entzaubert wird Taylor Swift, weil sie sich loslösen durfte vom Projektionsfläche sein. Mit 35 sei ihr vergönnt, nicht mehr für mich Songs zu schreiben. Sondern für sich. Oder gar keine mehr. Sie hat mich ein wenig großgezogen. Was soll ich sagen, Abnabelung ist schwer. Mit “I Can Do It With A Broken Heart” hat sie ihren Fans schon ein wenig signalisiert, dass sie bisweilen eher viel verlangen. Sie zeigt aber (mit neuem Album!), dass sie die Swifties nicht so schnell von der Kandare lässt. Was soll sie sagen, Abnabelung ist schwer. Ich lasse mich noch ein bisschen führen - aber wir müssen alle erwachsen werden.
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Abbildung: taylorswift/Instagram
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