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Thomas Feuerstein - Metabolica: Künstlerische Überwindung der Petromoderne

Eine wässrig-grüne Flüssigkeit blubbert durch ein ungefähr ein Kilometer langes transparentes Röhrensystem im MQ Freiraum im Wiener Museumsquartier. Der Kunstraum wirkt wie ein Chemielabor und doch ist die Produktionsanlage der künstlerischen Forschung Thomas Feuersteins entsprungen.

Seit dem Jahr 2017 beschäftigt sich Feuerstein mit Alternativen zur immer noch dominierenden Petromoderne, jenem Zeitalter, in dem relativ billige fossile Energie und die dazugehörige Petrochemie großen Teilen der Menschheit viele Annehmlichkeiten und Wohlstand bereiten. Doch das System das im frühen 20. Jahrhundert begonnen hat, steht an der Kippe. Der Co2- Ausstoß fossiler Energieträger befeuert die Erderwärmung, Plastikteilchen sind mittlerweile sogar im Eis der Antarktis zu finden, bis zu 150 Millionen Tonnen Plastikmüll treiben in den Ozeanen der Erde und Erdöl ist, wie die aktuelle Politik eines Donald Trump zeigt, immer noch Grund genug für bewaffnete Konflikte.

In fünf Kapiteln dokumentiert die Ausstellung ein Forschungsprojekt, an dem Thomas Feuerstein seit mehreren Jahren arbeitet. Dabei erforschte er den Stoffwechselprozess von Bakterien, die einen Stoff mit dem Namen Polyhydroxybutyrat, kurz PHB erzeugen können. Der von den Bakterien produzierte Bio-Kunststoff kann von diesen in einem metabolischen Prozess wieder zersetzt werden. So kann ein Großteil der aktuellen Plastikproduktion durch ein echtes Kreislaufsystem ersetzt werden.

Den Ausgangspunkt bilden Grünalgen, die durch die Röhren gepumpt werden und dort Photosynthese betreiben - auch wenn das im dunklen Ausstellungsraum gerade so ausreicht, um sie am Leben zu erhalten. In einem Walartigen Gebilde werden die Algen ausgefiltert und bilden die Nahrungsquelle für Bakterien, die in den weiteren Stationen letztendlich PHB erzeugen. Dieser Kunststoff dient Feuerstein in der letzten Station der Ausstellung als Grundstoff für Skulpturen wie etwa den Kopf von Michelangelos David, den der Künstler im 3D-Drucker reproduziert hat.

Der ganze aufwendige Prozess also nur, um die Kopie einer bereits vorhandenen Skulptur zu replizieren? Nein - Thomas Feuerstein versteht Skulptur nicht im herkömmlichen Sinn der Erstellung eines Bildes oder Abbildes. Neben den Themen von Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Gesellschaftspolitik geht es ihm vielmehr um den Prozess als skulpturalem Akt. Die Bakterien sind Teil seines kreativen Schaffens das letztendlich darin gipfelt, dass die Bakterien die 3D-gedruckten Skulpturen wieder verstoffwechseln. Dazwischen bleibt genügend Platz für hintergründigen Witz, wenn Feuerstein die Petromoderne mit einem Augenzwinkern durch die Silhouette der Micky Maus symbolisiert, die ja ebenfalls in den 1920er Jahren entstanden ist.

Das vielschichtige Projekt umfasst nicht nur die Installation, sondern auch den Zyklus „Dear Dearth Earth“ in dem knapp 100 Zeichnungen die vernetzte Denkweise hinter dem Metablolica-Projekt illustrieren. Dazu gibt es noch ein Hörspiel das in der Ausstellung zu hören ist und eine Grafik Nouvel im empfehlenswerten Katalog zur Ausstellung.

Mit der Präsentation aller Kapitel des umfassenden Projektes im MQ Freiraum findet der Metabolica-Zyklus seinen vorläufigen Abschluss. Thomas Feuerstein liefert damit eine praktische Anleitung, große Teile der Petrochemie durch eine nachhaltige und umweltfreundliche Produktion zu ersetzen. Das ist künstlerische Forschung und Leitbild für breites künstlerisches und gesellschaftliches Engagement par excellence.

Mehr Texte von Werner Remm

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Thomas Feuerstein - Metabolica
18.09.2025 - 01.02.2026

MQ Freiraum
1070 Wien, Museumsplatz 1
https://www.mqw.at/mqfreiraum
Öffnungszeiten: Di-So 10-18 h


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