Carl Schuch und Frankreich: Die Lehre vom Spargel
„Im neunzehnten Jahrhundert haben die Deutschen ihren Traum gemalt, und es ist allemal Gemüse daraus geworden. Die Franzosen brauchten nur Gemüse zu malen, und es war schon ein Traum“: Adorno, der alte Aphorismendrescher, hat das Problem mit der Großkunst hier wunderbar auf den Punkt gebracht (in den Minima Moralia, zitiert nach der Taschenbuchausgabe, Suhrkamp 2003, S. 54). Womöglich müsste man zu Adornos Deutschen die Österreicher hinzufügen. Wir kennen das ja mit den Popanzen vor und um 1900
Doch es gibt ja Carl Schuch. Wenige kennen ihn, Wiener des Jahrgangs 1846, gestorben ebendort 1903, war er offensichtlich zu international, um am Gewese um seine Heimatstadt teilzuhaben, war er zu konzentriert auf sein Gemüse, um Haupt- und Staatsaktionen zu betreiben, und war er zu versessen auf sein Metier, um sich für etwas anderes zu interessieren als die pure, puristische, fast ist man versucht, hier einen Anachronismus unterzubringen: die modernistische Malerei. Er kam aus gutem Hause, wurde auch noch früh Waise, und war, wie ein Pendant in Paris, Edouard Manet, nicht auf Verkäufe angewiesen. Schuch betrieb seine Kunst europaweit, er war um 1870 in München bei Wilhelm Leibl, um 1880 in Venedig beim einschlägigen Licht und Wasser und ab 1882 in der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, umgeben von allen, die seinerzeit Avantgarde betrieben.
In einer strengen, ihrerseits puren, puristischen Präsentation spürt das Frankfurter Städel dieser Malerei nun nach. Es ist wirklich hauptsächlich Gemüse zu sehen, allein der Saal mit acht Spargelstilleben ist eine Schau für sich. Daneben gibt es Obst, vielerlei Äpfel etwa, die Schuch, aber auch seine Kollegen in Deutschland wie Wilhelm Trübner oder in Frankreich wie ein gewisser Paul Cèzanne in beflissener Nahsicht arrangierten, und darüber hinaus Landschaften, in denen sich Schuch an den Freilichtmalern von Barbizon und an Gustave Courbet abarbeitete. All das in lapidarer Selbstverständlichkeit einfach nebeneinander gehängt. Eine Schule des Sehens, wie es ein viel Berühmterer aus Wien einst nannte.
Schuch ist wie Courbet einer, der die Dinge weniger zeigen will, wie er sie wahrnimmt, sondern wie er sie kennt. Da ist nichts aufgedonnert, aber auch nicht nur als optische Sensation eingefangen. Schuch gibt seinen Gegenständen eine Art Plastizität mit, was schwer genug ist auf der flachen Leinwand. Er ist, mit einem Wort, Realist, nicht Impressionist. Und weil Realismus in der Moderne weiß, dass jedes Bild die Wirklichkeit insofern verändert, als für diese veränderte Wirklichkeit dann schon wieder ein neues Bild nötig ist, entstehen notwendiger Weise Serien. Die Ausstellung ist ein perfektes Beispiel für eine Hommage an die Serie. Man wünscht sich, es ginge immer so weiter.
Bei meinem Besuch war das Städel ziemlich voll. Die Ausstellung dafür war ziemlich leer. Das ist nichts für Instagram. Zuviel Fades. Doch wie wusste bereits die Romantik: Das Fade ist das Interessante. Hingehen, unbedingt. Noch bis 1. Februar.
Mehr Texte von Rainer Metzger 24.09.2025 - 01.02.2026
Städel Museum
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