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Mythos und Motorsäge

Die Verwandlung des Picus in einen Specht, wie sie Johann Wilhelm Baur um 1640 in einer feinen Radierung nach Ovids »Metamorphosen« festhält, ist weit mehr als eine mythologische Episode. Sie lässt sich lesen als Allegorie einer prekären Grenzüberschreitung zwischen Mensch und Tier, als Diagramm des Affekts und nicht zuletzt als Gleichnis einer verborgenen Erotik, die sich in Zuständen von Übergang und Metamorphose vollzieht. Circe, die Zauberin und von Picus zurückgewiesene, verletzte Liebende, inszeniert ein Drama aus Macht und narzisstischer Kränkung. Picus, der keusche Waldkönig, widersteht ihrer Verführung und wird verwandelt. Er wird zum Specht, einem Tier, das hämmert, bohrt, sich in Hölzer einarbeitet. Ein Wesen, das penetriert und rhythmisch zerstört.

Es ist eine Umkehrlogik eigener Art: Was sonst das Holz aufbricht, wird selbst zur erstarrten Figur. Circes Bann entblößt nicht nur den animalischen Rest im Menschen, sondern auch eine verdrängte Triebstruktur hinter der moralischen Standhaftigkeit: Der Schönling wird zum Triebwesen, der schnabelhafte Akt zur Geste libidinöser Umkehr. Nicht Hingabe ist die Antwort auf Begehren, sondern Tierwerdung.

Die Spirale auf dem Boden der Radierung ist kein bloß magischer Kreis, sondern ein Wirbel des Begehrens. Sie vermittelt Wiederholung, Verwerfung, affektive Verstrickung, aber auch Grenze. Knochen, Krug, Zauberbuch sind bildnerische Zutaten, die sich als ein alchemistisches Szenario deuten lassen, das keine Erkenntnis verspricht, sondern Grenzverletzung. Der Bannstrahl der Nymphe, der Picus an der Stirn trifft, wird zum Vektor einer Umwandlung, die sich nicht begreifen, nur in Erschütterung erfahren lässt.

So wird der Specht zur psychoanalytischen Figur. Er ist eine Allegorie des bohrenden, ins Innere zielenden Begehrens, das nicht nur im Holz seine Ersatzhandlung findet, sondern dabei auch noch das Ich destabilisiert. Wie Narziss und Echo, die zweite große Ovid’sche Episode ignorierter Liebe, ist auch diese Erzählung in einen Kreislauf aus Lust und Zurückweisung verstrickt. Doch während der selbstverliebte Narziss am Ende ein Dasein als stille Blume fristet, bleibt Picus’ Virilität als obsessiver Impuls erhalten. Er ist Rufer und Hämmernder. Im Unterschied zu Circe, bleibt Echo, die andere Nymphe, die von Narziss verschmäht wurde, als Stimme zurück. Sie ist körperlos und passiv repetitiv. Auch Echo ruft, hallt nach, doch ohne Selbst und im Gegensatz zu Picus, dem Specht, der Möglichkeit des Ausagierens beraubt.

Diese untergründige, erotische Dimension findet, ob beabsichtigt oder nicht, eine eigentümliche Resonanz in einer Skulptur, die seit Kurzem am Spazierweg um den Altausseer See im österreichischen Salzkammergut steht. Der Ort ist bekannt für sein Narzissenfest, ein alljährliches Schauspiel floraler Zurschaustellung, eine schwimmende Gartenschau mit tausenden Blüten, die aus den Wiesen gerissen, zu Figuren gesteckt, über den See geschifft werden, um zuerst dem touristischen Staunen feilgeboten und dann dem Verwelken überlassen zu werden. Ein Volksfest auf Grundlage des Ovid´schen Mythos, dessen trauriger Kern hinter der Blumenpracht vergessen ist.


Werner Egger: Specht, Holz, Rundweg Altaussee, 2025

In derselben Kulisse findet sich nun Werner Eggers Specht. Er ist kleiner als die opulenten Narzissenfiguren, die im Frühjahr als Kähne über den See gezogen werden, aber ähnlich prominent platziert, am Wegesrand mit landschaftlich idyllischer Aussicht. Die Figur ist aus einem Baumstumpf geschnitzt, freilich in grober Machart. Der Vogel scheint wie aus dem Schenkel des Stammes freigeschält. Stilistisch folgt er der Idee der Wunderkammer, in der sich Natur in Kunst bettet und Kunst umgekehrt das Vorbild der Natur sucht. Im Stamm öffnet sich eine dunkle Höhlung, in die die Spitze des Schnabels eingearbeitet wird. Zwei kurze Aststummel, die als Augen lesbar werden, verleihen dem Holz eine maskenhafte Physiognomie. Die Skulptur ist ein Unikum zwischen Karikatur und Waldgeist. Ein phallisches Tier in aufrechter Pose. Als würde die Triebkraft aus Ovids Erzählung, losgelöst vom Mythos, im Holz erstarrt, unendlich weiterwirken.

Was sich hier den Blicken aufdrängt, ist ein Objekt zwischen Naturgeste, volkstümlicher Plastik und unfreiwilliger Allegorie. Der Skulptur fehlt die ikonografische Raffinesse von Baurs Radierung. Doch gerade in ihrer unbeholfenen Materialität vermittelt sich ein anderer Reiz: das unfreiwillig Komische, Unwillentliche, Halbbewusste. Der erotische Subtext hat sich aus der Absicht verabschiedet und bleibt als Begehren resthaft im Holz stecken.

Eggers Specht ist nicht allein. Eine Eule hat sich bereits zu ihm gesellt, weitere Waldwesen dürften folgen. Am Seeufer scheint ein Bestiarium geplant. Wanderer:innen, die an diesem Strunk vorbeigehen, sehen schon jetzt zwei Beispiele von rustikalem Kunsthandwerk, freundlich gemeint und doch technisch-ästhetisch begrenzt. Doch bei näherem Hinsehen öffnet sich mit dem hölzernen Specht eine Szene, in der Mythos und Gegenwart, Tier und Stamm, Begehren und Form sich in einem paradoxen Spiel verheddern. So ereignet sich am Wegrand ein Restakt des Mythos, nicht als vollendete Kunst, sondern als Überlagerung von Motiv und Missverständnis. Ein Echo der antiken Metamorphose, das in den Fasern des Holzes und in der unfreiwilligen Komik kaum bedachter Wirkungen weiter wirkt.

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Abb oben: Johann Wilhelm Baur (1607-1641): Circe verwandelt Picus in einen Specht, ca 1640, Harvard Art Museums, Kupferstich

Mehr Texte von Thomas D. Trummer

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