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Wall Creeping: Mauerlauf im ungarischen Győr

Muss man das Kunstwerk als Endprodukt der künstlerischen Tätigkeit fassen? Der deutsche Kunsthistoriker Konrad Fiedler hat es vielmehr als Phase eines umfassenderen ästhetischen Prozesses gedacht, als fragmentierten Ausdruck einer Weltwahrnehmung, die sich in ihrer Gesamtheit nicht ausdrücken ließe. Dass Kunstwerke mehr „Werden“ denn „Sein“ sind, das lässt sich insbesondere bei Ausstellungen junger Künstler:innen beobachten. Wenn die Farbe noch feucht ist, die Arbeit rahmenlos an der Wand hängt und sich mit jedem Windstoß ein wenig bewegt, oder wenn kurzerhand noch ein paar Assemblagen auf der Leinwand befestigt werden, dann erhält man als Besucher:in den Eindruck, mehr den ästhetischen Experimenten denn einer fertigen Werkschau beizuwohnen. Eine dieser Möglichkeiten ergab sich am Samstag den 19. Juli in der ungarischen Stadt Győr, wo Studierende und Absolvent:innen der Akademie der Bildenden Künste Wien und der Academy of Fine Arts and Design Bratislava unter dem Titel „Wall Creeping“ Einblicke in ihr Schaffen boten.

Stets wiederkehrendes Motiv in den Arbeiten der 16 Künstler:innen war dabei die Metapher der Mauer, auf der man sich, ähnlich dem Mauerläufer (engl. Wallcreeper), entlang zu arbeiten hatte. Vorsichtig tasteten sich die Künstler dabei durch raumgreifende Gesten in alle Richtungen vor, um bloß nicht mit der zweidimensionalen Fläche zu verschmelzen. Bei dem Künstler Jaromír Šplíchal war das eine verputzte Konstruktion aus Holz und Styropor, auf der er das Fresko einer mythischen Vulkanlandschaft samt umrissartiger Gestalten anbrachte. Während frontal alle Aufmerksamkeit auf den Bildinhalt fiel, stellte Šplíchal auf der Seite das rohe Material aus und erinnerte einmal mehr an die handwerklichen Facetten künstlerischer Tätigkeiten. Ähnlich verhielt es sich auch bei der Künstlerin Tereza Darášová. Auf schimmernden Metallplatten befestigte sie schwarze Garne und verwob diese zu Umrissen einer Landschaft. Offensichtlich war der Dualismus des männlich konnotierten Metalls zu der weiblich konnotierten Textilarbeit. Subtiler und daher für die Betrachter:innen gewinnbringender war hingegen das Formspiel: Den Versuch, in der Abstraktion etwas Gegenständliches festzumachen, quittierte die Künstlerin stets mit dem informellen Nirwana ihrer textilen Welt. Die Eigenlogik des Kunstwerkes triumphierte damit einmal über die eingeübten Decodierpraktiken des Publikums. Die abstrakt-experimentelle Seite der Ausstellung wurde zudem noch von dem in Wien arbeitenden Ivan Penčev vertreten. Auf der rohen Leinwand trug dieser Pigmentpulver auf, das durch die Berührung mit Wasser aktiviert wird. Dadurch entstanden kleine, explosionsartige Farbtupfer, die sich durch ihre stoffliche Genese jeder Bedeutung entzogen.

Die Brücke zu der Mehrheit der figurativ arbeitenden Künstlerinnen und Künstler schlug neben der Kuratorin Klaudia Kosziba, außerordentliche Professorin in Bratislava, vor allem Martina Červenková. Mit einem eindrucksvollen Gemälde, das jegliche Spuren akademischer Formübungen bereits in sich aufgenommen und getilgt hat, führte sie den Betrachter in ein surreales Universum, das mehr an David Lynch denn an Salvador Dalí oder Max Ernst erinnerte. Unter dem Ornament eines glänzenden Kleides stach ein nacktes Bein hervor, das jedoch keinem sichtbaren Körper mehr zugehörig war: Dieser wurde in der oberen Bildhälfte von einem pilzartigen Geflecht aus Farben beschnitten. Durch sorgsam komponierte Linien und Farbabstufungen erzeugte Červenková damit eine Sogwirkung, die einen förmlich in ihr Bild hineinzog. Gleichsam surreal anmutend waren die Werke ihres Nachbarn Juan Malte Haussen. Der in Wien lebende Künstler präsentierte Männerportraits, die so fragil wirkten, wie sie auch gemalt wurden. Während in dem einen Werk ein in weißem Stoff gehüllter Junge einsam aus seiner Traumwelt hervorblickte, flüchteten in dem anderen zwei Gestalten vor einer sich auflösenden Leinwand, deren Farbspiel sich immer mehr in bloßer Grundierung verlor. Ganz anders ging der Künstler Clemens Grömmer mit dem Thema „Wall Creeping“ um. Auf weißem Papier malte er infantile Drachen, die mehr cute denn bedrohlich wirkten. Das ästhetische Programm der „Cuteness“ hat nicht selten eine Subsumtion unter die Blicke der Betrachter zur Folge, die Grömmer gerade dadurch unterlief, indem er seine Drachen in die Bildtiefen seiner Parallelwelt setzte, von wo aus sie uns als Publikum gar nicht zu bemerken schienen.

Trotz aller Unterschiede in Material und Form flossen die einzelnen künstlerischen Positionen letztlich in einem großflächigen Fresko zusammen, das eigens für die Ausstellung angefertigt wurde. Obwohl die einzelnen Formen nicht mehr viel von der Handschrift ihrer Urheberinnen und Urheber verrieten, war es vor allem in technischer Hinsicht sehenswert: Am Eröffnungstag konnte man noch den anhaltenden Verfärbungen durch den Trocknungsprozess beiwohnen. Die Ziegelmauer, die dafür eigens verputzt wurde, stand symbolisch für das raumaneignende „Wall Creeping“ der Künstler, die den Torula Art Space in Győr noch bis zum ersten August in ihr experimentelles Formenlabor verwandeln.

Mehr Texte von Florian Heimhilcher

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Wall Creeping
19.07. - 01.08.2025

Torula
9027 Györ, Budai ut 7.
Tel: +36 20 479 8485
Email: hello@torula.hu
https://torula.hu
Öffnungszeiten: nach Vereinbarung


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