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Zwei Veduten – Zwei Blicke auf die Stadt

Mit Ingeborg Bachmann sehen, erinnern, schreiben

Zwei Städte. Zwei Bilder. Zwei Arten, die Welt zu denken. Was auf den ersten Blick wie ein Parallelismus der Form erscheint – ein Kupferstich, koloriert, perspektivisch geschärft, städtisch belebt –, erweist sich bei näherem Hinsehen als poetologische Disposition, als bildgewordene Metapher für zwei sehr unterschiedliche Weisen, sich zur Stadt, zur Geschichte, zur Sprache zu verhalten. Rom und Berlin – Süden und Norden, Licht und Schwelle, Macht und Struktur, Arbeit und Muße, Empfindung und Widerstand. Zwei Räume, in denen Ingeborg Bachmann lebte, schrieb, sich verlor.

Das erste Bild: Berlin.
Ein schlanker Glockenturm erhebt sich links aus der Verdichtung kleinteiliger Architektur. Die Ansicht wirkt funktional und nüchtern. Die Stadt erscheint nicht als Monument, sondern als Struktur. Die Zentralperspektive zwingt den Blick in eine Tiefe, in der sich kein Zentrum mehr fassen lässt. Ein klösterlich oder administrativ anmutender Bau zieht sich über zahlreiche Joche; die Häuser bilden keine Bühne, sondern Raster, Fluchtlinien, Organisation. Im Hintergrund eine Brücke, in der Ferne verkleinert, rechts ein Gebäude mit Baugerüst. Und mittendrin eine Insel im Fluss – der Standort des Betrachtens. An der Spree wird die Stadt zum Arbeitsraum. Die Insel ist Kreuzungspunkt der Produktivität, des Verkehrs und der Verhandlung – aber auch Ort des Rastens, der Unterbrechung, des Gesprächs. Man würde an eine Studie zum öffentlichen und administrativen Leben des 18. Jahrhunderts wie bei Foucault denken, wenn nicht über dem Bild eine eigentümliche Stille läge. Dafür ist der große, makellose Himmel verantwortlich. Eine menschlich belebte Mitte – überwölbt von Leere. Berlin, wie Bachmann es in der Rede »Ein Ort für Zufälle« beschreibt, ist keine klar umrissene Stadt, sondern ein offener Raum, der sich entzieht – ein Topos des Möglichen, ein Gelände für Arbeit und Müßiggang, für Zwischenfälle und Begegnungen. Boote, Leitern, das Holz am Ufer sind Zeichen einer vita activa; sie markieren Orte der Geschäftigkeit, der Organisation, des Erwerbs. Während sich die Architektur wie ein Fond zurücknimmt, treten die Menschen hervor: als Tätige, als Wirkende. Und obwohl das Sujet ähnlich bleibt, zeigt sich im zweiten Bild eine völlig andere Welt.

Das zweite Bild: Rom.
Der Tiber wird zum spiegelnden Rücken, über dem sich die Engelsburg erhebt. Fahnen flattern, das Mausoleum wird zur Festung, der Papst regiert über den Strom. Rechts: barocke Fassaden. Links: Bastionen, die einen Staat markieren, der zugleich Kirche ist. Der Unterschied zum Berliner Bild liegt nicht nur in der zentralen Dominanz der Engelsburg – sondern im Ganzen der Wahrnehmung. Vor den Mauern flanieren Menschen. Dieses Bild zeigt keine Arbeiterstadt, sondern eine Szenerie. Die Stadt wird zum Ort des Gehens, des Betrachtens, der Promenade. Licht und Blick werden zu Akteuren: das Sehen und Gesehen-Werden, die Herrschaft, die sich zeigt, und die Politik, die machtvoll mit einem antiken Monument in das Bild tritt. Bachmanns spätere Jahre in Rom sind geprägt von Rückzug. Die Wohnung in der Via Bocca di Leone – ihr „Castell“ ohne Aussicht – ist ein Gegenentwurf zur Weite der Vedute. Wo das Bild Tiefe inszeniert, vermittelt sich in den Texten Enge. Das Sehen, das die Kupferstiche ermöglichen, wird dort fraglich. In »Malina« verkehrt sich der Blick: Die Frau verschwindet, die Stadt bleibt. Doch nur als Echo. Rom ist Müßiggang und Seelenleben, Berlin, Geschäftigkeit und tüchtiges Dasein. Beides mehr als Städte – es sind Koordinaten eines poetologischen Denkens, das in Bildern denkt, aber über Bilder hinausweist. Dabei scheinen sich die Fassaden der beiden Motive beinahe zu spiegeln. Es ist, als könnte man die beiden Bilder übereinanderlegen – ein vollständiges Szenario entstünde. Links und rechts würden sich die Architekturen begegnen. So sind die beiden Veduten keine bloßen Illustrationen, sondern Expositionen: Stadträume als Denkformen, Dispositive, dichterische Felder. Eine Matrix des Sehens – und Bühnen der Wahrnehmung.

Bei Bachmann wird nicht gesehen, um zu erkennen, sondern um sich zu vergegenwärtigen. Der Essay »Was ich in Rom sah und hörte« und die Rede »Ein Ort für Zufälle«, in der Berlin zur Sprache kommt, legen davon Zeugnis ab. Beide Stiche hängen heute im Dachgeschoss des Bachmann-Hauses in Klagenfurt, das seit Kurzem öffentlich zugänglich ist. Das neue Museum ist ein Ort der Spurensicherung, der Relektüre, der Resonanz. Ein Besuch wird dringend empfohlen – idealerweise mit Katharina Herzmansky, die das Haus leitet, befragt und lebendig hält.

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Abb 1: Prospekt des Waisenhauses in Berlin nebst der Gegend außer dem Stralower Tor, Kupferstich, um 1780.
Abb 2: Blick auf den Tiber mit dem Castel Sant Angelo und der Elian Brücke (Ponte Sant Angelo) und Teile der Stadt Rom, Kupferstich koloriert, spätes 18. Jahrhundert
Abb 3: Ingeborg Bachmann Haus, Klagenfurt, Foto via kaernten.museum

Mehr Texte von Thomas D. Trummer

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