K.I.ne Zukunft für Kunstkritik?
Ein Closing-Abend im Close-Up
Unter Gewitterwolken suche ich im siebten Bezirk das Studio Offbeats, und finde, orangen Gaffa-Tape-Pfeilen folgend, dort das oberste Stockwerk - und eine Gitarre, neben der ich mich gleich zuhause fühle. Im Wiener Kunstbetrieb geht alles um Eröffnungen. Wer, zum Networking, wo, der Place-To-Be, wie, zum Abendessen danach? Meine längsten Gespräche waren bei solchen Veranstaltungen hauptsächlich durch Outfits entstanden. Wie sonst penetriert man einen so perfekten, perfiden Kult: Wie soll ich reden, mit wem? “Schöner Mantel!”, “Danke, …Ich schreibe über Kunst!”. Wie funktioniert eine Finissage und wie wird sie Teil einer Kunstkritik, so sie ja nicht mehr von der Kunstkritik mit großem K wahrgenommen werden kann, nachdem ich mich zu ihr ausmären durfte?
Im Studio werde ich offen empfangen, darf mir einen Spritzer nehmen, unter den wachsamen Augen der Tochter des Künstlers Georg Eckmayr. “Warum machst du Wasser in deinen Wein?” - Die junge Dame wird sich mal wohlfühlen im Kunstbetrieb.
Ich werde aufgenommen von Algorithmen, Alphabeten, allgegenwärtiger Hitze. Georg Eckmayr verbindet in seiner Kunst die Begutachtung und Bemängelung unserer Handynutzung. Kuratiert von Christoph Höschele wird man von Eckmayrs Werken quasi angemahnt, das Handy wegzulegen und für seine Causa zu nutzen - das Ganze in Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz. Ich habe, als (journalistisch voreingenommener) Snob Ressentiments. Fast schon anmutig wirken die Bilder, wie unsere Finger Smartphones streicheln, tanzen, als wären das alles nur Schlittschuhe auf dem Glatteis unserer Existenz. Man muss K.I. zur Kunst machen, sonst macht sie unsere zu ihrer. Georg Eckmayr bietet ein Freundschaftsangebot. Eine Zukunft?
Man bemüht sich, laute, unlautere Stimmen auszublenden, wenn die notorischen Worte kommen, man solle doch ChatGPT malen, komponieren und, in meinem Falle, schreiben lassen. Horror Vacui und K.I. beschäftigen die Kunst und die Kritik gleichermaßen - arbeiten wir zusammen oder gegeneinander? Alle miteinander in einer sich selber veraltenden Gruppenarbeit? Die Ausstellung gibt mir Hoffnung, dass die bildende Kunst zumindest ein Angebot bieten kann. Ich glaube, unsere (meine) Seite kann das nicht. ChatGPT auch nicht, bleibt zu bemerken.
Zur Finissage gehört eine Performance. Patrick Schabus, der gerade in verschiedenen Abschnitten ein “Dictionary of Taste” konzipiert, gibt den Buchstaben G zum Besten.
Performance von Patrick Schabus
G wie Gräten, Grillen, Greed. Ich fühle mich zurückversetzt zu Situationen am Tisch mit Fisch zu Abend. Verschlucke mich heute wieder an Worten wie damals an Gräten. Wie es mir auch damals niemand nehmen konnte. Wie schön Patrick Schabus sagt, an Gräten sei wohl noch niemand gestorben. Ich werde nostalgisch und mir gleichsam meiner Worte sehr bewusst. Manchmal muss man im Mund ein wenig herumsuchen, bis man das Richtige findet; was auch immer dann am Ende übrigbleibt.
Die Darbietung wird wegen Hitze und Kindern abgekürzt. Am Ende der Performance ertönt mit leiser Stimme Tadel der Kinder: “Langweilig…” – Bei solcher Kritik braucht man sich um die Zukunft der Kunstkritik - und meiner - keine Sorgen zu machen.
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