Sichtbarmachen des Nicht-Darstellbaren
Der große Visuelle Poet Heinz Gappmayr wäre heuer 100 Jahre alt geworden. Gefeiert wird mit einer Ausstellung im öffentlichen Innsbrucker Raum sowie im Schwazer Rabalderhaus.
= wird steht unübersehbar groß auf einem im Säulenportikus der Innsbrucker Hofkirche verspannten Transparent, alles nicht sichtbare nicht unweit davon auf der Fassade eines relativ neuen Altstadthauses, EOHC auf der gläsernen des universitären Instituts für experimentelle Architektur ./studio 3. Drei von zehn Interventionen im öffentlichen Innsbrucker Stadtraum, mit denen das derzeit wegen Umbaus geschlossene Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum den Visuellen Poeten Heinz Gappmayr feiert - mit Ansagen, die sich nicht spontan erschließen, Fragen stellen, auf die man sich einlassen muss. Ging es dem 1925 in Innsbruck geborenen – vor 15 Jahren verstorbenen – Künstler doch lebenslang darum, das Nicht-Darstellbare wie es etwa die Zeit, Werden und Vergehen oder das Sein sind, visuell erfahrbar zu machen. In schöpferischen Balanceakten, in denen das Emotionale nur in homöopathischen Spuren bisweilen aufpoppt.
An sich so Alltägliches wie es Buchstaben, Zahlen oder Interpunktionszeichen waren das Jongliermaterial für den Autodidakten, mit dem ehrgeizigen Ziel, „die Entstehung von Sinn durch Visuelles nachvollziehbar zu machen“, so der Künstler anlässlich der großen Personale, die das Tiroler Landesmuseum Gappmayr anlässlich seines 75. Geburtstags ausgerichtet hat. Was bisweilen erfrischend irritierend sein kann, wenn etwa die Buchstaben eines Worts wie zufällig in Unordnung gebracht daherkommen, rot in Schwarz geschrieben ist, Phänomene wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf zwei schwarze Striche und einen Punkt reduziert sind. Als anfangs per Hand, dann mit Schreibmaschine bzw. Computer radikal durchdeklinierte, ab 1970 gern auch ins Dreidimensionale übertragene Konsequenz der Erkenntnis, dass jedes Bild letztlich erst im Kopf des Betrachtenden entsteht.
Beim Betrachten der Werke ihres Vaters gäbe es keine absoluten Aussagen oder Bedeutungsebenen, sagt Gaby Gappmayr, die einzige Tochter und Verwalterin des riesigen väterlichen Nachlasses. Von einem der international wichtigsten Vertreter der Konkreten und Visuellen Poesie, die ab den späten 1950er-Jahren Zeichen, Worte, Zahlen und geometrische Grundformen in den Mittelpunkt ihrer Kunst stellten. Nähen zur Kunst eines Antonio Calderara, aber auch Robert Barry oder Lawrence Weiner sind unübersehbar, der Freundschaft Gappmayrs mit Letzterem verdankt Innsbruck eine Ausstellung inklusive Ankauf einer Arbeit 2001 im Tiroler Landesmuseum.
Bereits 1963 war Heinz Gappmayr bei der großen Schau „Schrift und Bild“ im Amsterdamer Stedelijk Museum mit dabei, gefolgt von Ausstellungsbeteiligungen 1965 im Institute of Contemporary Arts in London bzw. in The Something Else Gallery in New York sowie in der Innsbrucker Galerie im Taxispalais ein Jahr später. Eine erste umfassende Personale in Österreich fand 1970 schließlich in der Wiener Galerie Nächst St. Stephan statt. 1995 wurde Gappmayr der Tiroler Landespreis für Kunst verliehen.
Eine schöne Ergänzung zur aktuellen Geburtstagsausstellung im öffentlichen Raum in Innsbruck ist die Schau im Schwazer Rabalderhaus. Die anhand von Arbeiten quer durch das Gappmayr’sche Oeuvre beispielhaft vorführt, wie dieser getickt hat, und wie wichtig der universell Gebildete darüber hinaus als anregender Gesprächspartner für nachfolgende Generationen von Künstlerinnen und Künstlern war. Demonstriert wird das anhand so unterschiedlicher Positionen, wie sie etwa Eva Schlegel, Peter Kogler, Martin Walde, Ernst Trawöger, Martin Gostner, Hellmut Bruch, aber auch der Komponist Johannes Maria Staud einnehmen. Wie sich die von ihm in Musik verwandelte Textarbeit Gappmayrs anhört, ist in der bis 14. September laufenden Schau zu hören.
Anlässlich des 100. Geburtstags Gappmayrs ist als Nr. 1 einer neuen landesmusealen Publikationsreihe der Band „Cahier 001: Heinz Gappmayr“ erschienen. Ein bisher unveröffentlichtes Notizbuch des Künstlers aus dem Jahr 1961 mit Skizzen, Gedankenfragmenten und tagebuchartigen Einträgen ist hier neben einem höchst aufschlussreichen Interview mit Gaby Gappmayr abgedruckt.
Dem Denkmalschutz und den Beirät:innen für das Stadt- und Ortsbildschutzgesetz ist es geschuldet, dass die Installationen Gappmayrs Ende September wieder aus dem öffentlichen Innsbrucker Raum verschwinden müssen. Im Vergleich zu den Behörden sei der Föhn „ein Schmeichler“, so der knappe Kommentar des Leiters der landesmusealen Modernen Sammlung und Kurators der Schau, Florian Waldvogel zu diesem nur schwer nachvollziehbaren Akt.
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