Ariane Mueller. Fische sind ins Meer gefaltet wie das Meer in die Fische: Bekenntnisse einer exaltierten Pazifistin
Die Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft sind zweifellos aktuelle Themen. Hierzulande werden Kunstschaffende aufgefordert, sich kritisch mit Themen wie Migration oder Krieg auseinanderzusetzen. Auch die Salzburger Festspiele beschäftigen sich derzeit mit den Themen Krieg und Demokratie beziehungsweise damit, wie Künstler:innen dem Krieg mit ihrem Schaffen entgegenwirken können.
In Zeiten weitverbreiteten Unmuts kommt es im künstlerischen Handlungsbegriff zu Verschiebungen. Dadurch rückt der persönliche Aspekt in gesellschaftlichen Beziehungen in den Vordergrund. Bei der in Berlin lebenden Künstlerin, Kuratorin und Zeitungsherausgeberin Ariane Müller ist dieser Input nicht zu übersehen. Ihr Konzept in der Secession, kuratiert von Jeanette Pacher, ist das Ergebnis ihrer langjährigen Beschäftigung mit dem Krieg, sowohl in der Kunst als auch in ihrem Leben. Beeindruckt von Picassos künstlerischer Reaktion auf den spanischen Bürgerkrieg und seinen monumentalen Bildern in der Kapelle des Schlosses von Vallauris, hat sie den Ausstellungsraum ähnlich wie der Schöpfer von „Guernica” gestalterisch in zwei sich gegenüberstehende Sphären geteilt. Die linke Seite, auf der ihre großformatigen Natur-Tafelbilder zu sehen sind, steht für den Krieg. Die rechte Seite besteht aus mehreren weißen, leicht gefalteten Paravents, auf denen Müllers Videos aus den Jahren 1988–2023 projiziert werden. Sie steht für den Frieden. In der Praxis ist Müllers dualistische Unterscheidung nicht scharf getrennt. Sie erstreckt sich auf andere, sich widerstreitende Modelle des ubiquitären Kreativen: Links stehen öffentlich und institutionell, rechts privat und alternativ. Links dominieren Produktion, rechts Rezeption. Die linke Sphäre steht für gezielte Kontinuität im Universalen, die Rechte für Experiment und Veränderung im Hier und Jetzt.
Beide Seiten setzen sich mithin aus heterogenen Elementen zusammen. Müllers Landschaftsbilder, die sie als Metapher des Rückzugs aus der aktuellen Öffentlichkeit versteht, zeigen „Holzwege” (nach Heidegger) in die Isolation und verweisen auf den „Giganten” der modernen Kunst, den Maler Paul Cézanne. Daher vermutlich die immense Größe ihrer Bilder. Teils als Huldigung seiner Bedeutung, teils als Ironie seiner Größe. Die Künstlerin hat die Zeichnungsart Cézannes erlernt und die Landschaften aus der Steiermark mit Bleistift auf Leinwand in seinem Stil skizziert. Anschließend malte sie nach den Bildern des chinesischen Malers Shi-Ta. Um auf die Normalisierung der kreativen Praxis und des außer Kontrolle geratenen Selbst zurückzukommen, hat sie eine Form der „Art in Action“ praktiziert. Beim Malen bediente sie sich eines langen, nicht immer beherrschbaren Pinselstiels (wie beispielsweise auch Matisse). Bei dem performativen Malprozess wurde sie aber nicht wie Pollock gefilmt. Ihre Bewegungen blieben für das Publikum unsichtbar.
Erst im zweiten Ausstellungsbereich, dem Frieden, in dem 19 Videos zu sehen sind, tritt Müller persönlich auf. Aber nicht exklusiv wie ein Star, sondern in Interaktion und Zusammenarbeit mit den anderen Akteuren. Die gefilmten Handlungen sind quasi freigestellt, wie die Ereignisse am 1. Mai in Berlin. Sie sind nicht zielgerichtet wie ein spontanes Tennismatch auf einem verlassenen Schulgelände, sondern auch kontemplativ wie der Verlauf der Wasserspuren auf einem Zugfenster. Eine Einheit in Vielfältigkeit verbindet sich mit einer Natur, die die Subjektivität bremst: Die Paravents sind nämlich nach der Sternenkonstellation in Österreich am 8. April um 21 Uhr ausgerichtet. Könnten diese nicht „erzwungenen” Flow-Aktivitäten und Strukturen also der Anfang einer nächsten Utopie sein? Die einzelnen Videos sind bewegungsreich und es ist schwer zu erkennen, welche progressiv und welche regressiv sind. Es sind vielleicht keine nur schönen Bilder wie die Landschaftsdarstellungen, sie tragen aber möglicherweise tiefgründige Botschaften in sich. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit eine vorbehaltlose Ausübung der Kunst in beiden Bereichen heute noch möglich ist.
Mehr Texte von Goschka Gawlik 29.05. - 31.08.2025
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