Give Nature a Break - Edgar Honetschläger: Käfer ja, Menschen nein
„Non-Human Zone“ steht auf einem Schild im Urfahraner Stadtteil Heilham der Stadt Linz. Wer daran vorbeikommt wird gebeten, ein mit ein paar Holzpflöcken und einem locker daran hängenden Seil eingegrenztes Grundstück nicht zu betreten. Organisiert hat die Herausnahme von wenigen hundert Quadratmetern Wiese aus den üblichen Verwertungszusammenhängen der in Linz geborene Künstler Edgar Honetschläger im Rahmen seiner Retrospektive, die ihm das Nordico Stadtmuseum Linz ausgerichtet hat.
Der ausbeuterische Umgang des Menschen mit der Natur ist das zentrale Thema der von Sabine Fellner kuratierten Ausstellung „Give Nature a Break“. Das Verhältnis des modernen Menschen zur Umwelt zieht sich seit den frühesten Arbeiten durch Honetschlägers Werk.
In der fünfteiligen Fotoserie Sensing Soil aus dem Jahr 1989 vergrub der Künstler seinen Kopf in die Erde eines Ackers und nahm mit dem Körper verschiedene Positionen ein. Der heimatlichen Scholle blieb Honetschläger zwar immer verhaftet, doch zog es ihn gleich nach den Studien der Wirtschaft und Kunstgeschichte in Linz, Graz und Wien 1989 nach New York und 1991 nach Tokyo, das bis zum Jahr 2011 seine Homebase bleiben sollte. Dazwischen gab es Aufenthalte in Italien, Brasilien und immer wieder Wien. Die Eindrücke der unterschiedlichen Kulturkreise formten sich zu einem Werk, das vor allem in seinen Filmen zwischen Fiktion und Realität oszilliert und das Publikum mitnimmt auf Reisen in denen Traum und Wirklichkeit ineinanderfließen.
Neben dem Film ist die Zeichnung für Edgar Honetschläger das wichtigste Ausdrucksmittel in dem er manchmal in scheinbar naiver Weise auf die von ihm wahrgenommenen Gegebenheiten und Phänomene reagiert um subtil die Wahrnehmungsgewohnheiten und Absurditäten gesellschaftlicher Konventionen zu hinterfragen. Da sind etwa die Hagaki, eine Serie postkartengroßer Aquarelle, die Aphorismen oder kurze Gedankensplitter visualisieren. In der Serie der Sumi-E, ausgeführt in japanischer Tinte auf Japanpapier, stellt Honetschläger unsere Beziehung zur Natur zur Debatte, thematisiert aber gleichzeitig die Differenzen zwischen der im Westen vorherrschenden Zentralperspektive und der Parallel- oder Einpunktperspektive der östlichen Kunsttraditionen. Seine feinen Aquarell-Porträts von Gemüse wie Zwiebel oder Zucchini entwickelte Edgar Honetschläger zu einem zeichnerischen Drehbuch für einen Animationsfilm, in dem die neugierige Karotte, der einäugige Kürbis, die A-Capella-Band der drei Chilis, die überängstliche Gurke und die Madame Aubergine sich auf eine abenteuerliche Flucht vor dem Gegessenwerden begeben bis sie schließlich von der Erderwärmung dahingerafft werden.
Ein großer Teil der Ausstellung ist der im Jahr 2018 gegründeten Initiative GoBugsGo gewidmet. Nach dem Tsunami und dem darauffolgenden Unfall in den Atomreaktoren von Fukushima im Jahr 2011 verlässt Edgar Honetschläger mit seiner Familie Japan und lässt sich in der Nähe von Rom nieder, wo er einen Garten für den Gemüse- und Obstanbau bewirtschaftet. Sein Augenmerk fällt bald auf die schwindende Insektenpopulation und die damit verbundene Gefahr geringerer Ernten. So rückt die Natur noch stärker in den Fokus seiner künstlerischen Arbeit, was ihn im Jahr 2018 schließlich dazu veranlasst, gemeinsam mit anderen die NGO ⤇ GoBugsGo zu gründen, die sich dafür einsetzt, möglichst viele Gebiete der wirtschaftlichen Verwertungslogik und jedem menschlichen Eingriff zu entziehen, bis hin zum Betretungsverbot der Grundstücke für Menschen um der Natur ein „Break“, also eine Möglichkeit der Erholung zu geben. Seitdem wurden von GoBugsGo Grundstücke in Österreich und Italien angekauft und als Non-Human Zones ausgewiesen. In Ausstellungen wird so wie jetzt in Linz um Mitgliedschaften geworben. Schon ab 10 Euro kann die Initiative unterstützt werden, für größere Spenden gibt es ein kleines „Art n‘ Nature“ Paket.
Die Ausstellung im Nordico Kunstmuseum Linz lässt bewusst Teile des vielfältigen Werks Edgar Honetschlägers unberücksichtigt oder streift sie nur, dennoch bietet diese Retrospektive einen guten Einblick in das Schaffen des kosmopolitischen oberösterreichischen Künstlers.
Mehr Texte von Werner Remm 11.04. - 17.08.2025
Nordico - Museum der Stadt Linz
4020 Linz, Dametzstraße 23
Tel: +43 (0) 732/7070-1912, Fax: +43 (0) 732/79 35 18
Email: nordico@mag.linz.at
http://www.nordico.at
Öffnungszeiten: Mo-Fr 9-18, Sa, So 14-17 h
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