Lygia Clark. Retrospektive: Interaktion als Kinderspiel?
Diese Szene hätte Lygia Clark sicher nicht gefallen: Ein Besucher arrangiert Aluminiumplatten der interaktiven Skulptur „Bicho Critter“, 1962, zu einer ihm gefallenen Konstellation, dabei ein wenig unbeholfen lachend. Gegenüber dieser Ausstellungskopie dann ein Original der Werkreihe „Bichos“, in bester auratischer Ordnung hinter Glas auf einem weißem Podest abgestellt. Denn diese auf jedwede historische Kontextualisierung verzichtende Präsentation wird diesem „offenen Kunstwerk“ (Umberto Eco) nicht gerecht. Zum wird die Arbeit den Kunstfreund:innen als veränderbare Struktur zur Verfügung gestellt, ganz so als wären wir immer noch im Jahre 1962. Zum anderen wird die Skulptur verklärend in die „überzeitliche“ Sphäre des Auratischen gesetzt. Beides verleugnet, was Umberto Eco offenen Kunstwerken zugeschrieben hat, nämlich ihre Qualität „als gelungenes Beispiel für einen Gestaltungsmodus auf Gestaltungstendenzen hinzuweisen, die in einer … bestimmten Periode gegenwärtig sind“. So waren die 1960er Jahre eine Periode, die in emanzipatorischer Emphase Partizipation als gesellschaftspolitische Tendenz versprachen, was dann auch Lygia Clarks interaktiven Artefakten deutlich ablesbar war. Heute aber wird Partizipation zunehmend verdrängt von neoliberaler Kapitalmacht, rechtspopulistischer Bevormundung und der Verdummung dank digitaler Medien und KI – Interaktion. Sie ist jetzt nicht viel mehr als ein harmloses Spiel und prompt „bewegen sich die Besucher wie Kleinkinder“ (Ferial Nadja Karrasch in ihrer Kritik für Art-in-Berlin) hier durch die Neue Nationalgalerie.
Dennoch: Diese Ausstellung ist wichtig, erinnert sie doch an eine frühe Pionierin der „Mitmach-Kunst“, die vom eurozentristischen Blick lange aus der Kunstgeschichte ausgeblendet wurde. Und sie zeichnet dabei die Genese der Kunst von Lygia Clark (1920 -1988) nach. Die Brasilianerin begann in den späten 1940er Jahren ihre Karriere mit geometrisch-abstrakten Bildern. Mit der von ihr so genannten „organischen Linie“, also mit präzisen Einschnitten in die Bildfläche überführte sie Mitte der 1950er Jahre das Bild in die Dreidimensionalität. Zudem ging sie mit ihren Gemälden über den Rahmen hinaus und betonte auch dadurch den objekthaften Charakter ihrer damaligen Arbeiten. Von hier war es nur ein kleiner Schritt hin zu ihren „modulierten Flächen“, die aus übereinander geschichteten Holzplatten zusammengesetzt waren. Ab 1959 bereits begann die Künstlerin, unter anderem mit der besagten Serie der „Bichos“, ihre Artefakte als offenes Kunstwerk zu konzipieren, als interaktive Angebote an den nun nicht mehr passiven Gegenüber ihrer Arbeiten. Ende der 1960er Jahre dann experimentierte Clark mit „sensorischen Objekten“, zum Beispiel mit ihren „dialogischen Brillen“, die eine Interaktion und die Wahrnehmung des Körpers in den Mittelpunkt ihrer Kunst stellten. Außerdem inszenierte Clark Gruppenperformances, die ein mehr oder weniger harmonisches interaktives Miteinander initiierten. Mit ihren „relationalen Objekten“ schließlich konzentrierte sich Clark ab den 1970er Jahren auf das einzelne Subjekt und dessen Psyche. Mit Hilfe einfacher Objekte wie Muscheln oder Steine, die auf einzelne Körperteile gelegt wurden, wollte die Künstlerin die Selbstwahrnehmung ihrer „Patienten“ therapeutisch transformieren.
Dass man diese sich über vier Jahrzehnte konsequent entwickelnde Kunstarbeit von Lygia Clark in dieser Retrospektive schlüssig nachvollziehen kann, dass macht die Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie dann doch zu einer sehenswerten.
Mehr Texte von Raimar Stange 23.05. - 12.10.2025
Neue Nationalgalerie
10785 Berlin, Potsdamer Straße 50
Tel: +49 30 266 424242
https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/neue-nationalgalerie/home/
Öffnungszeiten: Di-So 10-18, Do 10-20 h
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