Julius von Bismarck - Normale Katastrophe: Der Katastrophenästhet
Mit kräftigen Armbewegungen schwingt der Mann eine lange Peitsche. Wuchtige Schläge treffen das Ziel seiner Hiebe, doch die Wirkung bleibt aus. Völlig unberührt rollen die Wellen an den Strand von Rio de Janeiro, an dem sich die groteske Szene abspielt. Sie umspielen die Beine des Peitschenschwingers, werfen ihn beinahe um. Wie der Geschichtsschreiber Herodot berichtete, ließ schon König Xerxes I. das Meer durch Auspeitschen bestrafen, weil ein Sturm eine Brücke zerstört hatte, die der persische König auf seinem Feldzug gegen Griechenland über den Hellespont errichten hatte lassen. Julius von Bismarck greift in seinem Film Punishment diese Erzählung auf, stellt sich gegen die Naturgewalten, nur um letztendlich erschöpft aufgeben zu müssen.
Das Verhältnis von Mensch und Natur ist das große Thema des Ururgroßneffen des ersten deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck. Die Verwandtschaft mit dem eisernen Kanzler greift Julius von Bismarck zumindest zitathaft in einer Arbeit auf, wenn er die Wellen der Bismarcksee bei Papua-Neuguinea „bemalt“, indem er eine große Leinwand über die Wellen breitet. In seiner Serie Landscape Painting bemalt von Bismarck buchstäblich Landschaften mit dem Abbild ihrer selbst, nur um die Veränderung des Abgebildeten durch die Abbildung zu untersuchen. Dass diese Region Teil der deutschen Kolonialgeschichte ist, schwingt gerade in dieser Arbeit ganz offensichtlich mit.
Es ist eine ausgesprochen ästhetische Annäherung sowohl an künstlerische Fragestellungen wie auch an die Konstruktion unserer menschlichen Vorstellung von Natur, die Julius von Bismarck in seiner ersten großen institutionellen Einzelausstellung in Österreich zeigt.
Er nimmt die Betrachter:innen mit auf eine Gratwanderung zwischen dem immer noch von der romantischen Malerei geprägten Naturbild, und den aktuellen Vorstellungen von Naturbeherrschung. Ein ambivalentes Spiel zwischen Bewunderung und Furcht baut er dabei auf, wie etwa im Werkkomplex „Talking to Thunder“, einer Jagd auf das Phänomen des Blitzes, die aus einer Naturgewalt mittels Raketen und langen Drähten ein einigermaßen berechenbares Naturphänomen macht, das dann fotografisch eindrücklich festgehalten wird.
Solchen Projekten geht ein langer Rechercheprozess voran, dessen Umsetzung in das künstlerische Ergebnis Video oder Fotografie oftmals den verhältnismäßig geringeren Aufwand darstellt.
Die Werke, die dann in Ausstellungen wie dieser präsentiert werden, zeichnen sich durch eine sehr eingängige und anziehende Ästhetik aus, die teils im krassen Gegensatz zu ihren abgebildeten Inhalten stehen - etwa die zerstörten Häuser in Malibu nach den großen Feuern in Los Angeles im Jänner 2025, oder Abbildungen anderer großer Waldbrände, die ebenfalls in der Ausstellung zu finden sind.
Julius von Bismarck interessiert sich für die Brüche zwischen Ästhetik und Katastrophe. Gerade Feuer, so der Künstler, bildet eine besondere Projektionsfläche für Gefühle und Vorstellungen. Für vertiefende Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Dimensionen dieses Phänomens hat er in die Ausstellung digitale Feuerstellen integriert, die sich in den Bäumen im Hof des KunstHausWien fortsetzen.
So glänzend die Oberflächen seiner Arbeiten erscheinen mögen, ist es Julius von Bismarck ein Anliegen, das Publikum in Themen wie Klimakrise und Umweltzerstörung tiefer hinein zu führen. Dass er dabei für die Dystopie eine ästhetische Lösung findet, macht das Werk zugänglich und lässt Raum für die Hoffnung, dass es die Menschheit letztendlich noch schaffen wird, das Schlimmste abzuwenden.
Mehr Texte von Werner Remm 10.09.2025 - 08.03.2026
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