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Henri Cartier-Bresson - Watch! Watch! Watch!: Sehen und Erkennen

Als Cartier-Bresson am Ende seines Lebens - und es war ein langes Leben von 1908 bis 2004 - gefragt wurde, was seine Lieblingsreise gewesen sei, antwortete er: „Meine dreimalige Flucht aus dem Kriegsgefangenenlager!“

1940 wurde er als Angehöriger der französischen Armee bei Saint Dié in den Vogesen gefangen genommen. Er kam in das Stalag V.A. in Ludwigsburg und leistete Zwangsarbeit in Rüstungsbetrieben, im Straßenbau, in der Landwirtschaft und bei einem Abdecker. Es gibt eine Fotografie von ihm in der Gefangenschaft, darauf ist ein schmächtiger junger Mann mit den typischen Holzpantinen der Gefangenen zu sehen.

Zweimal misslingt ihm die Flucht aus dem Lager. Das dritte Mal im Juni 1943 ist er erfolgreich. Er schlägt sich nach Frankreich durch und schließt sich der Resistance an. Über seine Zeit im Lager meinte er im Rückblick, „All das, was ich gesehen habe und nicht fotografieren konnte, hat mich für den Rest meines Lebens geprägt. Es gibt Dinge, die ich nicht vergessen kann; ich kann verzeihen aber nicht vergessen.“

Unmittelbar in Freiheit zeichnet, malt und fotografiert er. Er reist nach Südfrankreich um Pierre Bonnard und Henri Matisse 1944 zu porträtieren. Beide Aufnahmen sind in der Ausstellung im Foto Arsenal in Wien zu sehen. Es ist eine große Überblicksschau von Cartier-Bressons Reisen vor und nach dem Krieg, seinen Reportagen für Vu, Vogue, Regards und andere Bildmagazine bis zu seinen Filmen „Retour“, von der Rückführung der Kriegsgefangenen und dem Stranden von Displaced Persons zwischen der amerikanischen und der sowjetischen Zone.

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Bucerius Kunst Forum in Hamburg, der KBr Fundación MAPFRE in Barcelona und in Kooperation mit der Fondation Henri Cartier-Bresson in Paris.

Das bemerkenswerte an Henri Cartier-Bressons Karriere ist, dass er die Welt durch einen seinem Gesicht vorgelagerten Apparat wahrnahm. Während der Aufnahmen tänzelte er mit der Kamera herum, immer das Objekt vor Augen um im „entscheidenden Moment“ abzudrücken. Über diesen „decisive Moment“ wurde viel geschrieben. Es war zweifelsohne eine Gabe die Cartier Bresson perfektioniert hatte.

Schon vor dem Krieg ging er nach Übersee. 1934 fuhr er nach Mexiko, wo er sich einer argentinischen anthropologischen Expedition anschloss, die nicht zustande kam, da sie finanziell scheiterte. Mit wenig Geld saßen er und seine Freunde in Mexiko City und er fotografierte das Nachtleben und die Prostituierten. Es entstanden dabei Freundschaften fürs Leben wie mit Langston Hughes, einem späteren Bürgerrechtler, den er 1957 fotografierte, als er erneut Amerika bereiste und die Rassentrennung mit seiner Kamera einfing.

Von Mexiko ging es 1935 weiter nach Kuba und dann nach New York, wo er in Kontakt mit der radikal linken Filmgruppe Nykino kam, die sich an der Ästhetik von Sergej Eisenstein orientierte. Obwohl er als Fotograf erfolgreich war – Einzelausstellungen in Madrid, New York, Mexiko Stadt – überlegte er damals zum Film zu wechseln.

In der Ausstellung in Wien sind auch Sequenzen des Films „Retour“ zu sehen, der als einer der ersten Filme die Rückführung von französischen Kriegsgefangenen zeigt. Henri Catier-Bresson unterscheidet nicht zwischen Holocaustüberlebenden und Kriegsgefangenen. Er zeigt sie wie sie im Krankenhaus gepflegt, gewaschen und genährt werden, um schließlich stark genug für den Rückweg in die Heimat zu sein. Es sind 18 Themensequenzen von ein bis drei Minuten Länge die während dem 10. April und 10. Mai 1945 gedreht wurden. Es sind düstere Bilder, für die Catier-Besson eine Flut an Bürokratie zu überwinden hatte. Dabei profitierte er von seinen Kontakten von vor dem Krieg, nach New York und zu den Alliierten.

Auch mit seinen Bildreportagen kann er immer wieder an die Vorkriegszeit anschließen. So konnte er 1963 nach der Kubakrise in Havanna fotografieren und auch in Spanien unter Franco. Während des Spanischen Bürgerkriegs 1933 bis 36 war er ebenfalls vor Ort. Henri Cartier-Bresson vermittelt dank seines Weltbürgertums eine Art gebrochene Kontinuität, indem er sich von der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs nicht allzu sehr irritieren ließ und auch danach viele Länder bereiste.

Erwähnt sei noch, dass der Fotojournalist und Künstler zu den Gründungsmitgliedern der Fotoagentur „Magnum“ zählte. 1947 von Robert Capa, Chim, George Rodgers, Wilhelm Vanderivert und in Abwesenheit von Henri Cartier-Bresson in New York gegründet, revolutionierte sie den Fotojournalismus, stärkte die Rechte der Fotografen und zog Aufträge an Land.

1954 erhält er als erster ausländischer Journalist die Möglichkeit die Sowjetunion so zu bereisen, dass er sich überall frei bewegen konnte, ausgenommen die Militär- und Industrieanlagen. Auch diese Werkserie ist in Wien zu sehen. Es sind friedliche Bilder von einem etwas schläfrigen Moskau.

Bis in die 70er Jahre nimmt Henri Catier-Bresson Aufträge an, dann zieht er sich ins Privatleben zurück. Er war ein herausragender Künstler, der alles durch das Sehen begriff, wie er einmal erwähnte.

Mehr Texte von Susanne Rohringer

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Henri Cartier-Bresson - Watch! Watch! Watch!
28.06. - 21.09.2025

Foto Arsenal Wien
1030 Wien, Arsenalplatz, Objekt 19
Tel: +43 1 521890
Email: office@fotoarsenalwien.at
https://www.fotoarsenalwien.at
Öffnungszeiten: Di-So 11-19 h


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