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All the feels!: I, eye

Küssen sich zwei, will das gesehen werden. Deshalb bleiben auch die Augen beim Kuss halb offen, um zu gucken, wie es ankommt, was man da macht. Und steht man vor dem Spiegel, schaut man mit fremden Augen auf den eigenen Körper. Du, wie sehe ich für dich aus?

"Es ging darum den Zustand des Jugendlichsein einzufangen", sagt Nora Mayr über die Ausstellung "All the feels!", die sie im Kunstraum Niederoesterreich kuratiert hat. "In der Jugend dreht sich vieles darum, die eigene Identität und einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Es geht gleichzeitig auch darum, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Der Wunsch danach, eine bessere Welt zu schaffen ist hier sehr ausgeprägt."

Was eine bessere Welt sein könnte ist eine Frage, die sich eine Gruppe Jugendlicher aus dem migrantisch geprägten Bremer Stadtteil Gröpelingen in Anna Witts Film "BOND" stellt. Die Ideen, die sie dabei formulieren, sind dabei fast weniger interessant als die Prozesse, die während der gemeinsamen Entwicklung des Films in Gang gesetzt werden. Durch die Auseinandersetzung mit Archivbildern von Arbeitskämpfen, die ihre Eltern und Großeltern führten, rekonstruieren sie Teile der eigenen und geteilten Identität. Parallel dazu läuft eine Performance, in deren Zuge sich die Jugendlichen vor der Kamera und innerhalb der Gruppe als Charaktere konstruieren. Das Auge der Kamera, die alles aufzeichnet und versichert, ist hier keine Bedrohung, sondern Gehilfe. Ganz ähnlich auch in den Arbeiten von Molly Soda und Hannah Neckel, die beide Avatare nutzen, um ein Selbstbild zu erschaffen, das erst einmal im virtuellen Raum entsteht - durchaus auch unter Preisgabe des wirklichen Körpers -, und dann in die sogenannte Realität transferiert werden kann.

Solche Wechselwirkungen sind die zentrale Kraft von "All the feels!". Seien es die zwischen dem Auftauchen von körperlichen Merkmalen und der Ausbildung von Sexualität, wie sie in den Malereien von Oska Gutheil zu beobachten sind, seien es die, die sich in der Reflektion der familiären Vergangenheit entfalten, wie im Film von Anna Witt. Seien es die zwischen dem Blick der Anderen und dem Blick auf sich selbst. Und schließlich sind es auch solche, die entlang einer gebauten Wirklichkeit, entlang von Architektur und Design, stattfinden. Mit diesen setzt sich Maruša Sagadin auseinander: den Orten und Objekten, um die herum sich Jugendliche im öffentlichen Raum bewegen, wie Bänke und Basketballkörbe, die ihr Verhalten, ihre Rollen, ihre Positionierung in der Gesellschaft leiten.

Der Körper ist als Referenzpunkt omnipräsent in allen versammelten Arbeiten. Fast einstimmig wird er vor allem als Bild verstanden. Deshalb finden sich in "All the feels!" so viele Augen: große, offene Augen, die beobachten, fragen, spiegeln, bestätigen.

Mehr Texte von Victor Cos Ortega

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All the feels!
07.06 - 27.07.2024

Kunstraum Niederoesterreich
1010 Wien, Herrengasse 13
Tel: +43 1 90 42 111, Fax: +43 1 90 42 112
Email: office@kunstraum.net
http://www.kunstraum.net/de
Öffnungszeiten: Di-Fr 11-19, Sa 11-15 h


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