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Das Prinzip Privileg

Mehr als das "Kunst und Revolution"-Scharmützel hatte Österreich im Jahr 1968 an Aufruhr nicht zu bieten. Wenn die Nation jetzt in vielerlei Sonderbeilagen über Otto Muehl, seine Ausstellung, seine Taten und Schandtaten, für die er immerhin gründlich bestraft worden ist, und die Legitimität des Künstlers diskutiert, dann findet dabei auch ein Stück Aufarbeitung eben dieser Zeit statt, die an Österreich fast spurlos vorüberging. Fast spurlos vorüber ging auch die Emanzipation, die sich damit verband. Viele der Künstler, die damals international auf Aktionen setzten, begannen just um 1968 neue Konzepte zu entwickeln, Installationen zu bauen, Environments zu schaffen, die dem Publikum die gleiche Sphäre an Erleben gestatteten wie demjenigen, der sie erdachte. Diese Künstler gaben ihre privilegierte Position auf; Kunsterfahrung demokratisierte sich. Otto Muehl seinerseits hat offenbar nie daran gedacht, nicht als Künstler und schon überhaupt nicht als Mann, Privilegien aufzugeben. Darin liegt, jenseits aller juristischen Fragen, sein Problem. Und es ist genauso das Problem seines Landes. Auch der Führerkult ist ein Geniekult. Man muss nicht auf Hitler verweisen, um auf die Zusammenhänge von Totalitarismus und Ästhetik zu kommen. Es reicht schon, die Diskussionsbeiträge Revue passieren zu lassen, in denen die Frage gestellt wird, ob ein Künstler mehr darf als andere. Allein dass der Satz als Frage daherkommt, signalisiert ein Defizit. Natürlich darf ein Künstler nicht mehr. Und doch existiert eine weitverbreitete Neigung zum Dispens. Selbstverständlich machen sich die Künstler diese Möglichkeit zunutze, entschuldigt zu werden im Namen eines Hehreren und Höheren, das man ihnen zugute hält. Und indem sie sich transgressiv und progressiv geben, dehnen sie diese Möglichkeit weiter aus. Im Bild vom privilegierten Künstler hat sich gerade in Österreich ein Refugium erhalten, sich im Autoritären zu sonnen. Kunstrezeption ist nach wie vor gern einmal ein Knechtungsakt, und die viel besprochene und viel beschworene Komplizenschaft von Künstlern und Politikern hierzulande hat auch damit zu tun, dass die einen jeweils die anderen darin bestärken, den Untertanengeist zu forcieren. "Hätte Kreisky noch gelebt", sinniert Muehl in seinem Katalogtext "der weg aus dem sumpf" über sein Gerichtsverfahren, "hätte vermutlich dieser Prozess nicht stattgefunden." Es läßt sich unschwer nachvollziehen, dass der Sonnenkanzler und der Kommunenkönig gut miteinander konnten. Dass ein Prozess überhaupt stattgefunden hat und nicht vielmehr auf alleroberste Intervention hin verhindert worden ist, steht somit - anders als Muehl glaubt - für ein Stück Emanzipation. Für ein ganz kleines Stück.

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