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Kreisky und die Künstler

Da bist du also Kunstjournalist. Du versuchst dich an Essays, mühst dich an Rezensionen ab, konstruierst Kommentare. Nun denkst du dir, daß zu der Arbeit, die du da machst, auch Interviews ganz gut passen würden, Gespräche mit Künstlern, von denen du glaubst, daß sie etwas zu sagen haben, weil sie etwas zu zeigen haben. Du meldest dich also bei, sagen wir, zwei von ihnen, vereinbarst jeweils einen Termin, schaltest deinen Recorder ein und versuchst, dein Gegenüber zum \"allmählichen Verfertigen der Gedanken beim Reden\" zu bewegen. Dann gehst du nach Hause, unterziehst dich der mühsamen Beschäftigung, das soeben Aufgenommene in schriftliche Form zu übersetzen, hast endlich eine druckreife Version zusammen, bist zufrieden und schickst den Wortlaut an den jeweiligen Künstler. Vielleicht möchte er ja den einen oder anderen Ausdruck verbessern, ersetzen, präzisieren. Nach einigen Tagen bekommst du das erste Elaborat zurück. Der Künstler hat es redigiert, und es ist kein Stein mehr auf dem anderen. Was einst gesagt und von dir auf dem Tonband mitgeschnitten wurde, ist völlig ausgewechselt. Du bist empört, schließlich wolltest du ja so etwas wie einen Dialog. Doch nichts zu machen. Der Künstler möchte sich deklarieren, so und nicht anders. Du wirfst das Gespräch in den Müll und machst dir deine Gedanken über den Narzißmus, der grassiert. Wieder nach einigen Tagen bekommst du das Elaborat vom zweiten Künstler zurück, und es ist abermals kein Stein mehr auf dem anderen. Jetzt bist du völlig ratlos, denn diesen, den zweiten, hast du als zurückhaltenden, wohlerzogenen, so überhaupt nicht künstlerherzchenhaften Künstler kennengelernt. Und doch erlebst du die selbe Groteske. Früher ging das doch immer ganz problemlos mit den Interviews! Du verstehst die Welt nicht mehr. Bis du erkennst, daß du ja jetzt in Österreich lebst. Da, wo die Presselandschaft verwahrlost ist wie nirgendwo anders. Wo Zeitungen ihren Lesern die absurdesten Meldungen und infamsten Meinungen hinreiben. Und weil die Leser da für dumm verkauft werden, gilt umgekehrt das Prinzip Hofberichterstattung. Daß jeder Journalist sowieso die Tatsachen frisiert, wird da vorausgesetzt. Frisieren, und zwar ins Geschönte, geht da auf Kommando. Da kann jederzeit von jedem, der irgendwie in einem Text auftaucht, angeordnet werden, was er gerne hätte. Da ist jeder sein kleiner Kreisky. Auch der Künstler.

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