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Galeristen zu Kuratoren!

Was war das für ein schöner Verriss. Die F.A.Z., gewöhnlich seriös und wohlmeinend, hielt sich so richtig schadlos an der soeben eröffneten dritten Berlin Biennale und vor allem an ihrer diesjährigen Leiterin Ute Meta Bauer. Die Vielbeschäftigte, die eine Professur an der Wiener Akademie der bildenden Künste bekleidet und, wenn sie Zeit hat, dort auch unterrichtet, das Prinzip Biennale und das Politgefasel der momentan aktuellen Kunst haben offenbar zur Kenntlichkeit gebracht, was in dieser Konstellation nur anzurichten war: das ganze, schreibt die F.A.Z., "Elend der Kuratorenbürokratie". "Zum hundertsten Mal", so weiter die F.A.Z., werde "das Große und Ganze des Weltelends, der Balkan, die Armut in Asien, das Plattenbauelend des Ostens zu einer globalen Bildsuppe verrührt". Kuratoren, alle wissen es, sind heutzutage unvermeidlich. Manchmal sind sie sogar nützlich, für die Documenta beispielsweise, die ihre Karriere ja in Gang gebracht hat. Eine Schneise zu schlagen in den Wildwuchs dessen, was es alles gibt, und qua persönlicher Autorität dafür zu bürgen, dass das Präsentierte und nur dieses für den glücklichen Moment einer befristeten Schau unhintergehbar erscheint, ist Vorausetzung, wenn sich Junge und Alte, Etablierte und Newcomer, Zentralisierte und Marginalisierte mischen. Aber bei Ausstellungen, die sich vollends und allein dem Neuen verschreiben, verkommt das Gezeigte zur Illustration der kuratorischen Lektüren von Sekundärliteratur. Unter den etlichen Verrissen, auf die ich es in zwanzig Jahren gebracht habe, gibt es wenige, die mich reuen. Einen allerdings würde ich gerne zurückziehen. Er galt der "Europa 94"-Schau in München, die sich damals auch vollends und allein dem Neuen verschrieben hatte, aber zugleich auf ein Experiment setzte, das leider nicht Schule gemacht hat. Die Auswahl wurde getroffen von fünf Galeristen aus München, und nicht nur aus der schieren Tatsache, dass das Quintett früh Namen wie Nedko Solakov, Sylvie Fleury oder Olafur Eliasson großschrieb, läßt sich ersehen, was sie alles genauso gut konnten wie die weltreisenden Alleinunterhalter. Sie konnten alles genauso gut, und zusätzlich war bei ihnen jenes Kalkül offensichtlich und jener Hang zum Eigenen und Idiosynkratischen unverhohlen, die die Kuratoren hinter ihren Teigbergen mühsam verstandener Theorie verstecken. Warum also nicht das Experiment, das auch bei der "Köln Show" von 1990 gut funktioniert hat, zur Institution machen? Warum nicht, wenn etwa die Manifesta an eine Stadt vergeben wird, damit verbinden, dass sie von örtlichen Galeristen geleitet wird? Warum nicht, wenn schon jede Stadt meint, eine Biennale zu brauchen, jene engagieren, die sie sicher dringender braucht: Gute Händler mit Gegenwartskunst, die so selbstverständlich international arbeiten wie sie auch den Ort definieren?

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