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Der Name der Chose

In meiner mittelprächtigen Laufbahn im Kunstbetrieb habe ich es bis dato auf eine einzige Ausstellung als Kurator gebracht. Ehrlich gesagt war es nicht einmal eine einzige, sondern eine viertelte, denn es gab gleich ein Quartett an Verantwortlichen. Unsere Schau nannte sich doppelsinnig \"dealing with art\", und meine vordinglichste Leistung für diese nicht eben weltbewegende Veranstaltung bestand in der Findung des Titels. Seither bin ich der unumstößlichen Überzeugung, daß ein Kurator nicht viel mehr können muß als seinen immer gleichen Präsentationen immer andere und immer originellere Motti voranzustellen. Das allerdings muß er gut können. Schon die Mutter aller Kuratoren, Harald Szeemann, ist dadurch berühmt geworden: \"When Attitudes Become Form\" ist bis heute unübertroffen. Jan Hoet dachte sich einmal den perfekten Titel \"chambres d?amis\" aus, was ihm gleich zu einer Ausstellung mit dem nicht minder perfekten Titel \"documenta\" verhalf. Und Udo Kittelmann, jüngst als deutscher Kommissär in Venedig mit dem goldenen Löwen dekoriert, begann einst mit einer ganzen Folge von Jungkünstlern, die er allesamt unter den Slogan \"Plötzlich ist eine Zeit angebrochen, in der alles möglich sein sollte\" (oder so ähnlich) plazierte. So ist es nur konsequent, was momentan in Salzburg zu beobachten ist. \"Geometrie und Gestus\", \"Hier und Dort\", \"Vielfalt/Einheit\" und was es mehr gibt an PR-trächtiger Pärchenbildung findet dort zum Stelldichein, das allerdings noch in den Schatten gestellt wird von einem mega-trendigen \"Fe/Male Sensibility\". Es sind allesamt Galerieausstellungen, die so heißen, und es sind allesamt Ausstellungen von Galerie-Künstlern. Was sich in grauer Vorzeit zu einem dürren \"Accrochage\" fügte, das prunkt jetzt zur höheren Ehre des Nominalen. In diesem Sinn wird \"Ksks\", die Arbeit von \"Gelatin\", womöglich die Geschichte vollenden - nicht weil das schlichte Loch in der Wand, durch das hindurch eine Stimme einen freundlich auffordernden, im Titel angedeuteten Velarlaut sendet, so besonders interessant, anregend, innovativ wäre, sondern weil es das vielleicht erste Stück Kunst darstellt, das die Ausstellung wechselt, ohne daß es dafür den Platz wechselt. \"Ksks\" blieb exakt vor Ort, als die Kunsthalle Krems nach einer \"Milch vom ultrablauen Strom\" geheissenen Präsentation auf eine andere namens \"98/99/2000\" umsattelte. So kann man sich die Perfektion des Prinzips Namensgebung vorstellen: Titel und Label, Kurator und Katalog tauschen die Plätze, die Exponate bleiben die immergleichen.

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