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B.B. als R.-R.

Dankenswerterweise gibt es für die schlimme fußballose Sommerzeit, in der so gut wie keine Vernissagen stattfinden, das Fernsehen. Allen Kunst-Junkies auf dem Diskurs-Turkey reicht man als Ersatzdroge \"Bilderstreit\". Eine Kritikerrunde debattiert über Ausstellungen, im Quartett natürlich, zum Karree gemodelt nach dem einschlägigen und bald nur mehr ehemaligen Vorbild aus dem Literaturbetrieb. Reich-Ranicki heißt hier initialenparallel Bazon Brock, den Karasek gibt Jean-Christoph Ammann, Frau Radisch wird von Ursula Bode gemimt (obwohl sie weitaus mehr der Löffler ähnelt), es taucht ebenfalls ein wechselnder Vierter auf, und was ORF respektive ZDF dort in die Welt senden, erledigt hier ihr Bastard 3sat. Wo die einen von Büchern reden, reden die anderen - nein nicht von Bildern, sondern sie schwadronieren über Kunst. Das ist etwas völlig anderes. Im Grunde könnten die vier dem Titel gemäß munter loslegen, denn ein vorgeschaltetes Filmchen zeigt die Bilder, über die sie sich sodann streiten sollten. Doch sie spüren der Kunst nach, und dieses Wort schreiben sie mit ganz großem K. Und weil sie nicht schreiben, sondern sprechen, bemühen sie das Versale und Monumentale per Jargon der Eigentlichkeit. So ringen sie also um eine \"Beschreibung für etwas, was man eigentlich nicht beschreiben kann\". Man kann aber alles beschreiben, fragt sich nur wie gut. Sie jedoch wollen offenbar an das Unsagbare rühren, und wenn es schon keinen Ausdruck für derlei Sphären gibt, so besitzen sie zumindest die Gabe zu orakeln. Oder sie kramen im Fundus ihrer Bildung und zitieren zum Beispiel Giotto wörtlich. Von Giotto ist aber nichts Wörtliches überliefert. Sie jedoch, Insider, die sie sind, haben immerhin als erste mit der Leiche geredet. Schon vor Jahrhundert dabeigewesen zu sein, ist sowieso ihre Domäne, und ihr Dabeisein geht bis heute, nein, bis gestern, denn mit den ganz Jungen haben sie es nicht so. Denen sind auch die Bilder, einfach weil sie sie herstellen, womöglich wichtiger. Die Sendung ist das Musterbeispiel für die Prätentionen des Betriebs und insofern lehrreich. Statt zu interpretieren übt man sich in Sterndeuterei, statt zu kritisieren macht man auf mythisieren. Statt \"Bilderstreit\" gibt man Kunstschmachten.

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