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Söhne, die niemals Väter werden

Zwei Bildtypen sind zu nennen, von denen Wladimir Putin zur Erinnerung an das Ende des 2. Weltkriegs am 9. Mai 2022 Gebrauch macht. Der eine nennt sich »Allocutio«, eine feierliche und anfeuernde Ansprache des Heerführers, während der ihm die Truppen ihre Treue schwören. Der Typus gehört zu einer Gruppe von Historiengemälden, die sich an antiken Vorbildern orientiert. Von Tizian gibt es ein entsprechendes Gemälde im Prado in Madrid. Das hochformatige Bild stammt von 1540. Mit erhobenem Finger beendet der Feldherr Alfonso d’Avalos eine Meuterei in der Lombardei. Das Bild feiert Tat und Vermächtnis. Doch es zeigt auch Brüche. Vor dem Condottiere ist sein Sohn zu sehen, den er als Geisel zurückgelassen hat, um seine Versprechen zu garantieren. Der Junge, ebenfalls in römischer Kleidung, blickt bleich und scheu. Die psychologische Konstellation ist brisant. Denn der Feldherr zeigt keine Emotion, nur Weitblick und den Auftrag eines höheren Willens. Die Schwächsten, seine Familie, setzt er währenddessen als Pfand.

Wladimir Putin bedient sich vor einer Woche zum “Tag des Sieges” über Nazideutschland ähnlicher Bildprägungen wie die Allocutio. Nach herkömmlicher Tradition, die von oströmischer Huldigung bis in die Sowjetzeit herrührt, nimmt er die Parade ab. Als einziger zeigt er sich in Zivil auf einer Tribüne, umgeben von hochdekorierten Generälen. Wie im Kalten Krieg ziehen die Soldaten im Stechschritt, Panzerkolonnen und das mächtige Kaliber einer Rakete am Roten Platz unter den Militärs vorbei.

Doch nicht nur Generäle, Truppen und Waffen sind bedeutsam an diesem Tag. Auch das Volk. Es soll nicht nur von Wehrfähigkeit und soldatischer Treue überzeugt, sondern auch innerlich motiviert werden. Hierfür wird ein zweiter Bildtopos bemüht. Er stellt den Heerführer nicht als Souverän dar, sondern zeigt ihn als Opfer, als Betroffenen. Der Machthaber marschiert zu Fuß, umgeben von den Menschen der Straße. Was er damit zeigen, ist klar: er ist einer von ihnen. Freilich gehört dieser Positionswechsel zur propagandistischen Orchestrierung des Tages. Ein Agenturbild dokumentiert das Rollenspiel. Der Präsident marschiert in der ersten Reihe eines schweigenden Erinnerungszuges. Er hält eine Tafel hoch, die das Portrait seines Vaters zeigt. Wladimir Spiridonowitsch Putin dient  im “Großen Vaterländischen Krieg” in der Marine. Putin junior erinnert an den Veteranen, der genau vor achtzig Jahren, 1942, verwundet wird. Während des kollektiven Gedenkens wird der Präsident von einer Frau mit blondem Haar und einem Mann im roten Overall begleitet. Die Frau ist jünger und heiter gestimmt, der Mann in Putins Alter grimmig und entschlossen. Dahinter schließen sich in nächster Nähe andere Teilnehmer*innen an. Dem Alter nach zu schließen, gehören sie bereits der dritten Nachkriegsgeneration an. Sie führen Plakate mit sich, deren Botschaften auf der Abbildung nicht überliefert sind, allerdings ihre Betroffenheit. Die Stangen der Schilder erinnern an die Lanzen in Tizians Bild, doch sollen sie hier für eine friedliche, vermeintlich sogar demokratische Kundgebung werben.

Bemerkenswert an dieser Bildkomposition ist nicht nicht nur die suggerierte Gemeinschaft, das Aussetzen der Hierarchie, sondern auch die Familienaufstellung. Sie ergibt sich durch das Bild im Bild. Der Soldat auf Putins Tafel ist ein junger Mann. Er könnte sein Sohn sein. Die Perspektive, ja die Generationenfolge, kehrt sich dadurch um. Der Sohn nimmt sich den Vater zum Sohn. Die Botschaft dieser Konstellation ist klar. Die Trauer erlaubt kein Vergessen, sie verpflichtet zu Gedenken und Loyalität über die Generationen hinweg. Mit anderen Worten, sie fordert dazu auf, den Krieg, der gegen Nazideutschland gewonnen wurde, in der Gegenwart fortzusetzen.

Zugleich ist diese Inszenierung Putins – wie das Gemälde von Tizian – äußerst zwiespältig. Denn Putin nimmt seinen Vater nicht nur als Zeugen, sondern auch in Sippenhaftung. Der Vater, der im Bild wie ein Sohn ist, dient zur Rechtfertigung des Opfertods jener Söhne, die gegenwärtig in der Ukraine ihr Leben lassen. Dieser Aspekt ist besonders perfide. Er leugnet Alter, Verzicht, Vergehen und Zeit. Denn viele von den jungen Männern, die jetzt unter Putin sterben, sind unter Putin geboren. Sie sind Söhne, die niemals Väter werden. Und es ihr nicht ihr Krieg, sondern der eines alternden Tyrannen, der ihr Großvater sein könnte, aber so tut, als sorge er für sie wie ein Vater.

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ABB: Tiziano Vecellio: Die Allocutio des Marquis del Vasto an seine Truppen, Öl auf Leinwand, 223 x 165 cm, 1540, Museo del Prado Madrid

ABB: Wladimir Putin, 9. Mai 2022, Moskau, © Alexander Zemlianichenko / AP / picturedesk.com

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