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Martin Noël - Der Raum dazwischen: Der unbekannte Deutsche

Zum Lockdownende Mitte Dezember eröffnete die Albertina die erste österreichische Retrospektive Martin Noëls. Der 1956 in Berlin geborene Künstler, der vor elf Jahren viel zu früh verstarb, ist in Österreich relativ unbekannt, obwohl die Artmark Galerie ihn bereits 2004 in einer Gruppenausstellung, ein Jahr darauf gemeinsam mit Joachim Bandau, 2007 zusammen mit dem Bildhauer Robert Schad und zuletzt sogar 2008 in einer Einzelausstellung sowie post mortem 2011 zeigte. Auch die Klagenfurter rittergallery präsentierte 2006 unter dem Titel „Hölzer und Drucke“ einige seiner Arbeiten.

In Deutschland, so schreibt die Albertina in ihrem Pressetext, habe Noëls Œuvre „die Entwicklung der zeitgenössischen Druckgrafik entscheidend mitgeprägt.“ Und so gilt er in seinem letzten Wohnort Bonn auch nicht als Unbekannter, sondern vielmehr als ein zu Lebzeiten wichtiger Künstler, der aus der rheinischen Kunstszene nicht mehr wegzudenken ist. Neben zahlreichen institutionellen sowie kommerziellen Ausstellungen in Deutschland, unter anderem im Kunstmuseum Bonn, Weserburg Museum für moderne Kunst in Bremen, Mies van der Rohe Haus in Berlin oder arp Museum in Rolandseck, war er über die Grenzen Deutschlands hinaus wenig bekannt. Abgesehen vom Kunstmuseum Appenzell in der Schweiz, das ihm 2003 eine Einzelausstellung widmete, finden sich in Noëls Ausstellungsliste nur wenige ausländische Galerien (z.B. in: Maastricht, Amsterdam, Luxemburg, Paris, Ibiza, New York).

Daher ist es umso interessanter, dass mit der zs art Galerie wieder eine österreichische Galerie den Künstler in ihr Programm aufnimmt. Unter dem Titel „Der Raum dazwischen“ präsentieren sich in den charmanten Galerie-Räumlichkeiten Werkzyklen aus Noëls mittlerer Schaffensphase. Mit Klaus Albrecht Schröder als Eröffnungsredner, der Noël als Konzeptkünstler einordnet, schafft man mit der Ausstellung, die leider nur von kurzer Dauer ist (nur noch bis 18.2.), einen stimmigen Übergang zur zeitgleichen Retrospektive in der Albertina. 

Noël galt als Verfechter des Holz- und Linoldrucks, durch die sich die Linie wortwörtlich wie ein roter Faden zieht. Dabei inspirierten ihn auf abstrakte Weise objets trouvés, auf die er im Alltag, in der Natur oder auf Stadtspaziergängen stieß. Das können Risse in Bodenbelägen oder an Wänden sein, aber auch Schattenspiele in der Natur oder Maserungen von Hölzern oder Steinen.

Während in den feinen Papierarbeiten noch die farbigen Flächen dominieren, sich Liniengefüge nur ergeben, wenn sich zwei oder mehr Farbflächen treffen, scheint die Linie in den kleineren, hier ausgestellten Bildobjekten, von denen sich auch die aus sechzehn grauen Tafeln bestehende Serie „New York Drawing Objects“ in der Albertina befindet, die Oberhand übernommen zu haben. Wie verzweigte Äste zieht sie sich durch die dreidimensionalen Objekte, erinnert dabei an Verästelungen oder Fugen in Steinplatten. Im Kontrast zu den farbigen Flächen entsteht eine Konkurrenz zwischen Linie und Raum, bei der stets die Linie als stärkere Kraft die Fläche durchbricht. In den großformatigen zweidimensionalen Arbeiten scheint sie durch ihre schwarze Kontur nahezu bedrohlich, raumgreifend und finster. Sie drängt sich durch die Farbflächen wie ein Gespinst, mal ist sie zittrig, mal verrinnt sie und mal wird sie gar selbst zur Fläche. In anderen Arbeiten scheint sie wiederum ihre abstrakten Eigenschaften abzulegen, einen Gegenstand wiederzugeben – so vermag man in einer der Arbeiten eine Leitersprosse zu erkennen – und dann wird sie wieder ganz fragil, ganz zittrig – da erinnert sie schon fast an die frühen Wand- oder Ruß-Arbeiten Otto Zitkos.

Es gibt viel zu entdecken in dieser Ausstellung, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht erwartet hätte - allen voran einen überzeugenden Querschnitt durch das Œuvre dieses Künstlers. Und wer weiß, vielleicht ist der unbekannte Noël in Österreich bald gar nicht mehr so unbekannt. Seinen französischen Namen könnte man sich zumindest mit dem gleich lautenden Weihnachtsfest leicht merken!

Martin Noël - Der Raum dazwischen
18.01 - 18.02.2022

zs art Galerie
1070 Wien, Westbahnstraße 27-29
Tel: +43-1-895 9395 11
Email: galerie@zsart.at
http://www.zsart.at
Öffnungszeiten: Mo - Fr 11 - 18:30 h, Sa Uhr nach Vereinbarung


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