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Otto Hans Ressler: Dort endet unsere Kunst

Der Verfasser ist als Sachverständiger und Schätzmeister ein ausgewiesener Kunstexperte. Seine Expertise entwickelte er in Jahrzehnte langer Tätigkeit beim Dorotheum und in der Folge beim Auktionshaus Kinsky. Nachdem er dort altersbedingt in Pension ging beschloss er, sein umfassendes Fachwissen in der bildenden Kunst und Literatur zu verwerten. Es entstanden Werke über österreichische Künstler, wie Mikl, Leherb, Soshana, u.a. sowie in zwei Essay-Bänden „Der Markt der Kunst“ und „Der Wert der Kunst“, weiters „Das Mädchen mit dem Hut“, „Die Irreführung“, „Die Verleumdung“ und über den Kunstmarkt per se. Gleichzeitig gründete er das Auktionshaus Ressler, mit seiner Frau als Partnerin.

Im Kontext mit dem Titel des Werks war meine erste Assoziation, dass der Autor die Ansicht vertreten könnte, die Kunst sei am Ende; meine zweite Assoziation knüpfte am Narrativ an, wie der Verfasser zur Kunst gefunden hat und zwar an seinem Wertekanon, nämlich Leidenschaft, Kompetenz, Integrität und Erfahrung.

Bei meiner ersten Gedankenfolge ging ich davon aus, Ressler könnte die großen Probleme des Kunstmarkts vor Augen haben, nämlich die immer häufiger aufgetretenen Fälschungen, sowie die Problematik der Restitutionen. In Ansehung meiner zweiten Idee bin ich überzeugt, dass der Autor den Titel als Provokation verwendet hat. Die strafbaren Handlungen haben bereits ein großes Ausmaß erreicht, so dass der Käufermarkt verunsichert ist, wobei ich behaupte, dass die Justizpolitik maßgeblichen Anteil an dieser Misere hat. Um (sach-)gerecht zu entscheiden, ist Voraussetzung, dass die zuständigen Organe ein Spezialwissen haben, welches in der Regel allerdings nicht vorhanden ist. Fazit ist daher eine Abhängigkeit von Kunstsachverständigen. Und hier „hakt“ es: Denn es mangelt nicht nur an der Qualität derselben, sondern vor allem an deren fehlender Unabhängigkeit und Unparteilichkeit. Ich ergänze, da die Justizpolitik wohl zB für den Suchtbereich Spezialabteilungen hat, dann müsste dies auch für den Kunstbereich möglich sein. Den Fälschern ist dieses Setting bekannt und sie handeln danach. Ressler definiert eine Kunstfälschung damit, wenn ein Kunstwerk nachgebildet oder verändert wird. Relevant wird es strafrechtlich erst dann, wenn diese Nachbildung oder Veränderung in betrügerischer Absicht vorgenommen wird und dadurch ein Schaden entsteht. Fälschungen gibt es seitdem es Kunstwerke gibt. Jede Epoche hatte ihre Meister – und ihre Fälscher.

Viele der Kunstfälscher arbeiten mit so raffinierten Methoden, dass sogar Expertisen und Analysen im Labor diese Fälschungen oft nicht erkennen (können). Als weiteres Instrument dient die Provenienzforschung, d.h. die Linie der Eigentümer eines Artefakts muss seit seiner Entstehung lückenlos nachvollziehbar sein. Gewiefte Betrüger haben Tatpläne entwickelt, die für die Strafbehörden eine enorme Herausforderung darstellen. Manchmal geht es nur um irrtümliche oder betrügerische Zuschreibungen, dies vor allem bei den Alten Meistern.

Als klassisches Beispiel für die Exzesse im Kunstbetrieb führe ich den rechtskräftig verurteilten Fälscher Wolfgang Beltracci an, der grotesker Weise in „elitären“ Geldkreisen schon als wahrer Künstler gefeiert wird. Bemerkenswert ist, dass Beltracci prominente, bisher über jeden Zweifel erhabene Helfer als Komplizen hatte. Der Kunstmarkt ist weiterhin von hunderten gefälschten Beltraccis überschwemmt, da das deutsche Gericht aus Opportunitätsgründen eine restlose juristische Aufklärung vermieden hat.

In Österreich werden besonders gerne Schiele, Walde, Weiler, West, Staudacher und Wurm gefälscht und die Fälschungen in den Handel gebracht. Aus Profitsucht spielen sogar Fachleute, wie renommierte Sachverständige, Galeristen, Direktoren von Museen und Auktionshäusern auf der ganzen Welt mit.

Sogar in Museen tauchen immer wieder Fälschungen auf, wie z.B. zuletzt im berühmten Museum Ludwig in Köln 50 Werke der russischen Avantgarde.

Beim Narrativ des Urheberrechts beschränke ich mich darauf, dass die Tendenz in die Richtung geht, welche eine freiere digitale Nutzung von Kunstwerken gestatten wird, also werden die kreativen Künstler ihres geistigen Eigentums verlustig gehen. Pastiche, also Nachahmungen, werden geschützt und dient dies den Interessen der Konzerne.

Der Autor gliedert seine Essay-Sammlung in Reflexionen über die Kunstschaffenden, über Jene, welche mit der Kunst verdienen, über Sammler, Kunstliebhaber, Kunsthistoriker, Kunstkritiker, Rezipienten über den Markt, die Qualität, Sinn und Wirkungen.

Ressler unterscheidet zwischen Sammlern, die ihre eigentümlich im Besitz befindlichen Werke in Depots lagern und Kunstliebhabern, die mit ihren Bildern leben, sie also täglich bewundern wollen.

Alle Kapitel zeichnen sich durch eine Fülle von bizarren Anekdoten bis zu klassischen Aphorismen aus. Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst ist nicht immer einfach. In der Postmoderne steht nicht mehr die Schönheit im Mittelpunkt künstlerischen Interesses, sondern eine Kombination aus Ideen, um gesellschaftliche Missstände anzuprangern.

Was trotzdem die im Titel des Buches enthaltene Frage nicht beantwortet: „Wo endet unsere Kunst“. Diese Frage kann ich nur subjektiv – für mich allein – beantworten. Denn ich bin überzeugt, dass es keine allgemein gültigen Grenzen der Kunst gibt. Je nach Intellekt und Emotionalität bilden sich die Grenzen für jeden von uns subjektiv aus. Für mich muss ein Opus eine Aussagekraft haben, meinen Intellekt anregen und Neugierde erwecken, mein ästhetisches Gefühl befriedigen.

Ressler denkt, dass wir die Kunst brauchen, um uns bewusst zu werden, dass unsere Sinne nicht bloß Empfangsgeräte für Informationen sind, sondern dass wir wahrnehmen, etwas bewusst als sinnvolle Tätigkeit erleben. Denn durch die Kunst wird der Akt der Wahrnehmung reflektiert, also wir empfinden konkreter, tiefer und lebendiger. Kunst wirkt durch die Sinne für die Sinne.

Es gibt nicht eine richtige oder falsche, nicht eine schöne oder hässliche Kunst. Kunst ist keine Frage des Wissens, sondern eine Frage der Überzeugungen und des Glaubens.

Auch die Political Correctness und die me too-Bewegung sind in Hinsicht auf Kunstfeindlichkeit anfällig. Kunst wird von Querdenkern gemacht, von Unangepassten, von Provokateuren als semantischer Metapher Padhi Frieberger. Für die Gesinnungsdiktatur sind die Künstler natürliche Feinde. Die Vertreter von me too machen den Fehler, nicht zwischen einer nackten Frau in der Werbung und einer nackten Frau in der Kunst zu unterscheiden. Immer wieder gab und gibt es einen Feldzug gegen die Kunst. Dabei geht es um Moral, Pornographie, Jugendschutz und vor allem um die Frau als Objekt und Opfer, um Männerphantasien und Machtverhältnisse. Statt Zensur ist bzw. wäre eine Debatte, was Kunst darf, viel hilfreicher. Die Auseinandersetzung, ob die Freiheit der Kunst begrenzt sein soll und wenn ja von wem, und wie diese Grenzen definiert werden sollen, hat unsere Sezession m it dem Manifest „der Freiheit die Kunst, der Kunst ihre Freiheit“, beantwortet.

Schon Duchamps mit seinen Ready mades, zB mit seinem Flaschentrockner,  postulierte „alles ist Kunst“. Später wiederholte dies Beuys mit seinem Filz, wobei ich von ihm aus verschiedensten Gründen nicht mehr überzeugt bin und Andy Warhol.

Aktuell gilt als „angesagtester“ Künstler Banksy, welcher mich an Shakespeare erinnert, dessen Identität bis heute rätselhaft ist. Ich möchte betonen, weil Shakespeare es nicht notwendig hatte, seine Identität zu verschleiern, während bei Bansky die Public Relation eine bemerkenswerte Rolle spielt.
Mich stört die irrationale Preispolitk, die Preisblasen von Jeff Koons und Daniel Hirst, at all, wird einmal platzen müssen.
In den letzten Jahren wurde der öffentliche Raum, z.B. mit Manfred Erjautz und Franz Graf, immer prominenter genutzt.

Für Ressler ist die Wahrnehmung der jeweiligen Kunst der primäre Faktor, sekundär die Botschaft, die die Arbeit transportiert. Die essentielle Wahrnehmungsfähigkeit führt zur Deutungshoheit, die anderen Kriterien, wie die Geschichte eines Werks, die stilistischen Vergleiche, die zeithistorischen Zusammenhänge im Kontext zu anderen Werken, bringen u.a. die Kunsthistoriker, Kuratoren und eben die Künstler selbst.

Wenn man nicht wüsste, dass der Verfasser in einer glücklichen Familie mit einem Sohn, Oliver, als Künstler eingebettet ist, würde man annehmen, dass er nur mit der Kunst liiert ist. Oliver Ressler setzt sich künstlerisch mit dem Klimawandel und mit politischen Interaktionen auseinander und da der österreichische Kunstmarkt viel zu klein ist, arbeitet er wie die österreichischen Kunstprofessoren Herbert Brandl, Ernst Caramelle und Sigi Anzinger auf Kunstakademien im Ausland.

Der Hype um die Kryptokunst und NFTs, also Picksel statt Pinsel, ist mir als Kunst zu kryptisch.

Der Verfasser postuliert, dass wir ohne Kunst versteinern und verkümmern würden, alles würde nur noch schlimmer werden – und es ist wohl schon schlimm genug.

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Dort endet unsere Kunst
Otto Hans Ressler
148 Seiten
Vorwort: Peter Pongratz
Edition Splitter Wien 2021
ISBN 978-3-9504404-5-4
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