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Hans Schabus - Der lange Morgen: Die Stille im Sturm

Hans Schabus zeigt in seiner ersten Einzelausstellung bei Ursula Krinzinger Arbeiten, die während der Corona-Pandemie entstanden sind. Unter dem Titel „der lange Morgen“ vereinigt er Film, zartes Chinapapier, schwere Druckplatten, ein Garagentor und eine Art Bühneninstallation. Die Arbeiten beschäftigen sich mit den individuellen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Pandemie.

Schon alleine der Titel „der lange Morgen“ imaginiert frühes oder spätes Aufstehen. Das Verhalten der Menschen am privaten Morgen: Langsamkeit, Schnelligkeit, Grübeleien, depressive Verstimmungen, Verkaterung oder Aktionismus nach dem Motto: „der frühe Vogel fängt den Wurm“. Schabus gelingt es mit der Titelgebung ein weites Feld von Interpretationen zu öffnen - und er gibt uns seine eigenen Antworten.

Im rechten Hauptraum der Galerie Krinzinger zeigt Schabus seinen 25-minütigen Film „Europa“. Darin sehen wir vorbeiziehende Landschaften während seiner „europäischen Fahrradtour“. 2020/21 fuhr Schabus mit dem Fahrrad vom Nordkap bis zum südlichsten Punkt Spaniens. Einzig und allein ein Hund begleitete ihn, dessen Kontur man im Schatten des Lastenfahrrads wahrnehmen kann. In der Pandemie eine Strecke vom nördlichsten bis zum südlichsten Punkt Europas mit eigener Körperkraft zurückzulegen ist ein vehementes Statement gegen den Reisestopp und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Menschen.

Hans Schabus ist ein Künstler, der für das Erreichen künstlerischer Ziele gerne Körperkraft einsetzt. So auch geschehen bei den Aufbauten für den Österreichischen Pavillon  in Venedig 2005, oder im Salzburger Kunstverein 2016, wo er in das altehrwürdige Gebäude des Salzburger Künstlerhauses ein Loch zum Außenraum schlagen ließ. Damals zeigte er die Aufnahmen von seiner Fahrradreise von Kalifornien nach New York City. 42 Tage war er unterwegs: „The long road from tall trees to tall houses“.

Das Verschwinden, das Marginalisieren, das Absperren - hier bei Krinzinger durch ein Garagentor visualisiert - all das definiert Befindlichkeiten, die mit den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie einher gehen. In verschwimmender, weiß verschwindender Schrift hat Schabus Plakate von Konzertankündigungen abgedruckt, die während der Pandemie verschoben oder abgesagt wurden. Die weiße Schrift zu Patti Smith ist noch zu erkennen, aber sie schwindet ins Grau. Eine Tendenz zur Selbstauflösung der Typografie in wattierendes Weiß ist in den Arbeiten auf Chinapapier zu erkennen. Schabus gelingt mit diesen Werken ein poetischer Ausdruck von anwesender Abwesenheit - einer Grunderfahrung dieser Zeit.

Zuletzt sei noch auf die Installation "Hi, How are you" im zweiten Hauptraum verwiesen, da streckt sich ein Traversensystem aus Aluminiumrohren L-förmig in den Raum. Mit Zwingen und Nieten sind daran Aluminumdruckplatten montiert, sodass eine Art Bühnenkonstruktion entsteht. Es scheint als könne jederzeit eine Band zu spielen beginnen, allerdings weisen die Lettern auf den Walzen auf die Abwesenheit von Konzerten hin. Die Installation hat temporären Charakter und erweckt den Eindruck, dass sie sich schnell auf- und abbauen lässt. Während die Arbeiten auf Chinapapier eher ephemeren Charakter haben.

Man denkt in dieser sehr gelungenen Ausstellung von Hans Schabus an frühere Arbeiten wie jene in der Secession von 2003: „Astronaut. Komme gleich“ oder an sein Atelier in dem er die wahnwitzigsten Dinge baut. Unter anderem schuf er eine Bahnstrecke für eine Modelleisenbahn, die sich auf unterschiedlichen Höhen durch sein Atelier schlängelte. Schabus trifft bei Krinzinger den Nerv unserer Zeit. Wir, die mit dieser schrecklichen Krankheit geschlagen sind, die uns an unfähige Politiker ausliefert, haben einschneidende Maßnahmen zu ertragen. Möge diese Zeit bald vorüber sein.

Hans Schabus - Der lange Morgen
11.11.2021 - 15.01.2022

Galerie Krinzinger
1010 Wien, Seilerstätte 16
Tel: +43 1 513 30 06, Fax: +43 1 513 30 06 33
Email: krinzinger@galerie-krinzinger.at
http://www.galerie-krinzinger.at
Öffnungszeiten: Di-Fr 12-18, Sa 11-14 h


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