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Chris Reinecke - Arbeiten 1965-71 / 1997-2007: Späte Würdigung

Man ist sich nicht sicher im Kunstbetrieb, ob es so etwas wie einen Kanon gibt. Eines aber weiß man: Sollte es eine Liste an ästhetisch Verbindlichem geben, so muß sie auf alle Fälle geändert werden. Die feministische Kunstgeschichte arbeitet dabei voran, und wenn man auch nicht sicher ist, ob Sofonisba Anguissola so gut war wie Michelangelo und Artemisia Gentileschi das Format eines Caravaggio erreicht, so weiß man in der Tat: Die Rolle, die Martha Rosler oder Hannah Wilcke in der Produktion der sechziger und siebziger Jahre spielten, ist lange unterschätzt worden. Gerade erst werden sie gewürdigt. Die Deutschen sind noch nicht so weit, und so sind sie soeben dabei, Chris Reinecke zu entdecken. Nach einer ersten Zusammenschau vor zwei Jahren in Düsseldorf, sammelt jetzt der Kunstraum München, selbst ein Produkt des Protestes und 1973 als Anti-Kunstverein gegründet, Belege für Reineckes Arbeit an einer rheinischen Conceptual Art. Sie war die Freundin von Jörg Immendorff und entsprechend zur Muse degradiert. Dabei war es ihre Wohnung, in der die Fluxus-Künstler der Akademie - Beuys, Paik, Charlotte Moorman - Aktionen inszenierten. Und sie war es, die 1968 mit Immendorff "Lidl" gründete, eine eher Agit-Pop- denn Agit-Prop-Gemeinde, der die Warenästhetik schon im (von einer Supermarkt-Kette geborgten) Namen stand: Valie Export, wir erinnern uns, funktioniert nicht anders. Und Chris Reineke erprobte den Ausstieg. Sie driftete ab in die typische Sozialarbeiter-Manier der unmittelbaren Nach-68er und rieb sich in Mietervereinigungen auf, während die nächsten Kollegen - Palermo, Polke und wie sie alle heißen - an ihren Karrieren bastelten. Nun ist sie also zu würdigen, mit kruden, Situationismus-getränkten, witzigen Papierarbeiten, mit Zeichnungen aus Kaugummi und jener Strategie von Gestricktem, mit der dann Rosemarie Trockel berühmt werden wird - zwanzig Jahre später. Heute lebt Chris Reinecke, geboren 1936, in Duisburg und versucht eine Art Come-Back. Der Kunstraum, der es wirklich gut meint, hat ihre neuesten Werke ins Hinterzimmer verlegt. Diese Spätzeit muß in der Tat auch nicht entdeckt werden. Die Frühzeit schon.
Chris Reinecke - Arbeiten 1965-71 / 1997-2007
22.05 - 22.07.2001

Kunstraum München
80469 München, Holzstraße 10, Rgb.
Tel: +49 89 54 37 99 00, Fax: +49 89 54 37 99 02
Email: info@kunstraum-muenchen.de
http://www.kunstraum-muenchen.de
Öffnungszeiten: Mi-So 14-19 h


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